Samstag, 23. Mai 2015

Bonnie und Clyde


Heute vor 81 Jahren wurde das amerikanische Gangsterpärchen Bonnie Parker und Clyde Barrow in der Nähe von Sailes (Louisiana) von Polizisten erschossen. Wenige Wochen zuvor hatte Clyde Barrow Henry Ford einen Brief geschrieben: Dear Sir: - While I still have got breath in my lungs I will tell you what a dandy car you make. I have drove Fords exclusivly when I could get away with one. For sustained speed and freedom from trouble the Ford has got ever other car skinned and even if my business hasen't been strickly legal it don't hurt enything to tell you what a fine car you got in the V8 - Yours truly Clyde Champion Barrow. Man diskutiert immer noch darüber, ob der Brief (den Ford nie zu Werbezwecken verwendete) wirklich echt ist.

Der Wagen, in dem Bonnie und Clyde ihren Tod fanden, war natürlich ein neuer Ford V8. Das Auto gehörte dem Ehepaar Jesse und Ruth Warren in Topeka (Kansas). Mrs Warren hatte den Wagen mal kurz draußen auf der Straße stehen lassen und war ins Haus gegangen, schwupps war der Wagen weg. Die Warrens haben ihn zurückbekommen, allerdings mit Löchern. Und Blut auf den Sitzen. Sie konnten ihn aber noch gewinnbringend verkaufen. Er steht heute im Primm Valley Resort and Casino. Das Waffenarsenal, das im Auto war, nahm die Polizei an sich. Das Saxophon von Clyde Barrow auf dem Rücksitz, das von keiner Kugel getroffen wurde, schickte man an die Familie von Barrow zurück.

Man wird als Bankräuber jetzt schnell berühmt in dieser Zeit, die wir die Great Depression nennen. Es ist die große Zeit der Bankräuber in den USA. Viele von ihnen sieht die Bevölkerung in der Tradition von Robin Hood, manche sehen sich in der Tradition von Jesse James. Die Presse scheint sie zu lieben. Mit der Presse konnte schon Al Capone gut umgehen. Jonathan Wild im 18. Jahrhundert auch. Der große englische Historiker Eric Hobsbawm hat in seinem Buch Bandits (dt: Die Banditen: Räuber als Sozialrebellen) einiges zu dem Thema der Beliebtheit zu sagen.
Es sind ja nicht nur die Bankräuber, die da rauben. Zuerst rauben die Banken. Woody Guthrie hat in seiner Ballade über Pretty Boy Floyd gesungen: Yes, as through this world I've wandered I've seen lots of funny men; Some will rob you with a six-gun, And some with a fountain pen. Und in der nächsten Strophe heißt es: And as through your life you travel, Yes, as through your life you roam, You won't never see an outlaw Drive a family from their home. Wenn heute jemand die Deutsche Bank überfallen würden, unser Mitleid wäre begrenzt.

Das Gangsterpärchen Bonnie und Clyde hat Filmregisseure und Dichter immer angezogen. So wie Jonathan Wild die Schriftsteller (John Gay, Daniel Defoe, Henry Fielding und Bertolt Brecht) anzog. Schon drei Jahre nach ihrem Tod im Ford V8 entstand Fritz Langs Film You Only Live Once (Gehetzt), und das sollte nicht das Ende sein. Auch wenn wir heute immer Faye Dunaway als Bonnie Elizabeth Parker assoziieren, ganz so hübsch war die Gangsterbraut wohl nicht. Faye Dunaway ist damals übrigens genau so alt war wie Bonnie Parker, die nur vierundzwanzig wurde, eigentlich sind das ja noch Teenies, die da schwer bewaffnet unterwegs sind. Bonnie Parker posierte nicht nur mit Waffen, sie dichtete auch noch. Zum Beispiel The Trail's End:

You've read the story of Jesse James
Of how he lived and died;
If you're still in need
Of something to read,
Here's the story of Bonnie and Clyde.

Das geht jetzt noch fünfzehn Strophen so weiter, Sie können ➱hier mehr lesen. Auf der Seite finden Sie auch das Gedicht Suicide Gal von Bonnie.

Was auf der Leinwand mit Fritz Langs You Only Live Once begonnen hatte, endete nicht mit Arthur Penns Bonnie and Clyde. Wir haben da noch Natural Born Killers von Oliver Stone (nach einer Story von Quentin Tarantino) und - filmisch viel wichtiger - Terrence Malicks Badlands. Ein Film, der ebenso wie Oliver Stone die Geschichte von Charles Starkweather erzählt, nur etwas anders. Für den Film von Malick gibt es hier schon einen Post, deshalb lasse ich den mal weg.

Am Ende der meisten Filme steht der Tod des Gangsters. Mother of God, is this the end of Rico? sind die letzten Worte von Edward G. Robinson in Little Caesar. Der Gangster darf nicht ungeschoren davonkommen. Der amerikanische Filmkritiker Robert Warshow hat in seinem Essay The Gangster as Tragic Hero dazu gesagt: At bottom, the gangster is doomed because he is under the obligation to succeed, not because the means he employs are unlawful. In the deeper layers of the modern consciousness, all means are unlawful, every attempt to succeed is an act of aggression, leaving one alone and guilty and defenseless among enemies: one is punished for success.

This is our intolerable dilemma: that failure is a kind of death and success is evil and dangerous, is—ultimately—impossible. The effect of the gangster film is to embody this dilemma in the person of the gangster and resolve it by his death. The dilemma is resolved because it is his death, not ours. We are safe; for the moment, we can acquiesce in our failure, we can choose to fail.

Am schönsten ist es natürlich für Cinéasten, wenn im Auto gestorben wird, wie in Bonnie and Clyde. Oder hier in Jacques Tourneurs Film Out of the Past. Wenn Jane Greer zu Robert Mitchum sagt: You dirty, double-crossing rat, und ihn erschießt. Dabei hatte er ihr auf ihren Satz Oh, Jeff, I don't want to die! einmal geantwortet: Neither do I, baby, but if I have to I'm gonna die last. Man kann nicht alles haben, auf jeden Fall nicht im Gangsterfilm. Jane Greer stirbt ihren Filmtod im Kugelhagel der Polizei.

Dann haben wir alles zusammen, was die amerikanische Kultur ausmacht: cars (America's great love affair), sex und violence. 1934 ist ein schlechtes Jahr für Amerikas Gangster: nicht nur Bonnie und Clyde und John Dillinger sterben, sondern auch Baby Face Nelson und Pretty Boy Floyd. Wenn man im Kino erschossen wird wie John Dillinger 1934, dann haben wir natürlich noch mehr an amerikanischer Symbolik.

1933 hatte das Production Code Office die Weisung an die amerikanische Filmindustrie erlassen, dass keine Filme über Dillinger gedreht werden dürften. Man hat Angst vor Nachahmungtätern. Diese Bedenken hatte man in den Jahren zuvor - als zum Beispiel Little Caesar, The Public Enemy und Scarface in die Kinos kamen - offensichtlich nicht.

Aber die wirklichen Kleingangster machen längst mehr Schlagzeilen als Edward G. Robinson, James Cagney, Paul Muni, George Raft und der junge Humphrey Bogart. Und sie sehen auch nicht mehr so aus wie Hollywoods Gangster, das Verbrechen ist von der Großstadt in den ländlichen Süden gewandert. Wenn sie ins Gefängnis wandern, wären die Kreidestreifen Zweireiher, die in Hollywood in den Gangsterfilmen Mode sind, etwas unpassend. Dann sieht man eher so aus wie Raymond und Floyd Hamilton im Dallas County Jail.

Manche der Gangster der dreißiger Jahre werden überleben. Damit meine ich jetzt nicht die Bankiers, die überleben alle. Wenn sie nicht so unvorsichtig waren, am Schwarzen Freitag aus dem Fenster zu springen. John Steinbeck hat das sehr schön beschrieben: Then came panic, and panic changed to dull shock. When the market fell, the factories, mines, and steelworks closed and then no one could buy anything, not even food. People walked around looking as if they'd been slugged. The papers told of ruined men jumping from buildings. When they landed on the pavement, they were really ruined. The uncle of one of my friends was a very rich millionaire. From seven millions he dropped to two millions in a few weeks, but two millions cash. He complained that he didn't know how he was going to eat, cut himself down to one egg for breakfast. His cheeks grew gaunt and his eyes feverish. Finally he shot himself. He figured he would starve to death on two millions. That's how values were.

Die Bankiers überleben immer. Aber auch kleine Gangster wie Floyd Hamilton. Der im Gegensatz zu seinem Bruder Raymond (der auf dem elektrischen Stuhl endet) eher ein kleines Licht ist. Er hatte einen Kumpel namens Huron Ted Walters, mit dem er 1938 die Coca Cola Fabrik in Nashville überfallen hat. Hamilton und Ted The Terrible Walters verbringen einen großen Teil ihres Lebens im Gefängnis. Walters wird 1971 von den Texas Rangers erschossen, hundert Meter von der Stelle entfernt, wo Bonnie und Clyde am April 1934 zwei Polizisten getötet haben.

Arthur Penns Film war die Glamour Version der Geschichte von Bonnie und Clyde: Never mind that Penn’s film famously concludes with a graphic, slow-motion reenactment of the couple’s death in a barrage of gunfire. Contemporary audiences reportedly left theaters in solemn hush, but their silence was born of horror rather than of a sense of justice done. That is because the preceding 110 minutes of screen-time privilege Bonnie and Clyde’s vantage-point, encouraging empathy for the pair’s frustration and their self-importance. Yes, Bonnie and Clyde commit reckless acts of violence, but they look so good doing it. Against the film’s stagy Depression-era backdrop, the couple becomes the embodiment of youth, romance, and yearning. By contrast, their victims barely register, save as faded cardboard cutouts lacking names or narrative. The camera affirms Bonnie and Clyde as the only living things on an otherwise inert and colorless landscape. 

Dagegen offerierte Robert Altman 1974 mit Thieves Like Us eine realistischere Version von Kleinverbrechern im ländlichen Mississippi. Für diesen Film wäre Faye Dunaway eine Fehlbesetzung gewesen, da war Shelley Duvall (die viele Filme mit Altman drehte) schon genau richtig. Altmans Thieves Like Us war ein nostalgischer Abgesang auf ein Genre gewesen, aber Gangsterfilme, die Hollywood seit Josef von Sternbergs Underworld drehte, wird es in Amerika wohl immer geben.

Robert Altman hat die Great Depression noch als Kind erlebt. Er hat im Jahr vor Thieves Like Us den Film The Long Goodbye (der hier einen langen Post hat) gedreht, die Verfilmung eines Romans von Raymond Chandler. Auch Thieves Like Us hatte eine literarische Basis. Der gleichnamige Roman von Edward Anderson war schon einmal von Nicholas Ray verfilmt worden, Altman hatte den Film nicht gesehen. Auch die kassenfüllenden gewaltstrotzenden Gangsterfilme, die seit Bonnie and Clyde gedreht worden waren (wie Bloody Mamma, The Grissom Gang oder Boxcar Bertha), interessierten Altman nicht.

Die Banküberfälle eigentlich auch nicht. Aber die Menschen, die dazu getrieben werden schon: Sie sind nicht besser als wir. Sie bestehlen das Volk. Wir brauchen das Geld, also stehlen wir's von den Banken. Alles in allem sind sie Diebe wie wir! Arthur Penns Film war einer der finanziell erfolgreichsten Filme des Jahres 1967, Thieves Like Us war ein Flop. Man fragt sich, was aus Bonnie and Clyde geworden wäre, wenn Jean Luc Godard (den Truffaut als Regisseur empfohlen hatte) ihn gedreht hätte.

Es sind nicht nur die Regisseure, die die Gangster der dreißiger Jahre lieb gewonnen haben, nicht nur die Toten Hosen, die ein kleines ➱Video zu ihrem Song Bonnie und Clyde gedreht haben. Auch die Country & Western Musik bemächtigte sich des Themas. Auch die Dichter sind nicht untätig. Ich habe bei Red Shuttleworth in seinem Band Brief Lives ein Gedicht auf Huron Ted Walters gefunden:

I never said I was some trigger-quick,
matchless Lucky Luciano, Al Capone, or Dillinger.
You got to go a caliber extra in the crime shindig
to be Clyde Barrow or Miss Bonnie Parker,
but I pitched pennies with them. I have a talent
for stealing hens and eggs, for driving Cadillacs,
and once rode steers at rodeos
as far north as Burwell, Nebraska.
I'm a common, decent Texas boy, though my looks
are swank enough for Hollywood, wild sure,
but until I met Clyde, my most daring adventure
was running around on Halloween, tipping outhouses.
I'm in the Dallas jail thanks to Mr. Hoover making me
Public Enemy Number One, your essential R.C. Cola thief.

Bei Rolf Dieter Brinkmann kommt das Thema in seinem Gedicht Ra-ta-ta-ta für Bonnie & Clyde etc. von der Leinwand zurück ins Gedicht.

Wenn man plötzlich auf einem einfachen
weißen Kleid einen Klumpen roten Gelee
zerplatzen sieht, könnte man an das Ende

denken, aber das Ende ist noch weit.
Der Film läuft weiter und Bonnie läuft
weiter und Clyde läuft weiter und wir

laufen alle mit zwischen den Stuhlreihen
und kommen erst zur Ruhe, wenn auch auf
den einfachen weißen Kleidern der Platz-

anweiserinnen ein roter Klumpen Gelee
zerplatzt. Jetzt haben wir wieder Grund
zu laufen, und wir hören noch, wie der Ton

bei der Schlußszene mit dem Maschinen-
gewehrfeuer voll aufgedreht wird zur Freude
von Bonnie und Clyde, den Platz-
anweiserinnen und der ganzen Marmeladenindustrie.

Ich lasse das letzte Wort heute einmal Merle Haggard:

Bonnie was a waitress in a small cafe
Clyde Barrow was the rounder that took her away
They both robbed and killed until both of them died
So goes the Legend of Bonnie and Clyde
The poems that she wrote of the life that they led
Told of the lawmen left dying or dead
Some say that Clyde made her life a shame
But the legend made Bonnie the head of the game
The rampage grew wilder with each passing day
The odds growing smaller with each get-a-way
With the end growing closer the harder they fought
With blood on their hands they were bound to get caught
They drove back from town on one bright summer day
When a man they befriended stepped out in the way
With no thought of dying they pulled to the side
But death lay there waiting for Bonnie and Clyde
Two years or running was ended that day
For robbing and killing they both had to pay
But we'll always remember how they lived and died
So goes the legend of Bonnie and Clyde
Bonnie and Clyde.

Montag, 11. Mai 2015

Endeavour


In Death Is Now My Neighbour, einer der letzten Folgen der englischen Krimiserie Morse, lernt Chief Inspector Morse diese hübsche Frau (Judy Loe) kennen. Und verliebt sich sofort. Er sieht sie zum ersten Mal, als sie gerade eine Musikstudentin am Klavier begleitet. Die Studentin (Nina Tilbury) singt Cherubinos Non so piu cosa son, cosa faccio aus der Oper Le Nozze di Figaro. Enthusiastisch, aber ein klein wenig schräg neben der Tonspur. So sieht es die Rolle wohl vor (Sie können ✺hier ab Minute 13:20 hineinhören). Wenn Sie eine richtige Opernsängerin mit dieser Arie hören wollen, dann klicken Sie ✺hier Liliana Nikiteanu an (oder ✺dies ab Minute 18:30, aber das ist auch etwas schräg).

Es ist viel Musik in den Folgen von Inspector Morse, The Death of the Self zum Beispiel entführt uns nach Vicenza. Und dann nach Verona, wo die Opernsängerin Nicole Burgess (gespielt von Frances Barber) Signore, ascolta aus Puccinis Turandot singt. Sie können das ➱hier ab Minute 1:37 sehen und hören. Frances Barber sieht dabei richtig überzeugend aus, aber die Schauspielerin hat den Part nicht wirklich gesungen, es war die Stimme von Janis Kelly.

Das Signore, ascolta gibt es natürlich (ebenso wie das Nessun Dorma) massenhaft im Internet, Sie könnten ✺Ekaterina Shcherbachenko hier hören. Wenn Sie lieber die Callas hören wollen, dann klicken Sie ✺hier. Die Aufnahme ist über fünfzig Jahre älter, hat aber große Momente. Und wiederum auch nicht. Wir können auch hören, welche Schwierigkeiten sie mit Puccini hat. Aber Walter Legge von der EMI hatte sie da hinein gequatscht, er wollte aus seinem Star alles herausholen. Finanziell gesehen. Er wusste, dass ihre Stimme bald nicht mehr das sein würde, was sie einmal war.

Morse singt im Kirchenchor, er ist aber nicht The Singing Detective. Das ist eine Serie von Dennis Potter, die sehr sophisticated ist (das Remake von 2003 möchte ich lieber nicht erwähnen). Sozusagen Krimi für Fortgeschrittene. Lichtjahre entfernt von Til Schweigers Tatort Kommissar. Morse wird in der Serie jede Gelegenheit nutzen, um in die Oper zu kommen. Am Ende von Promised Land schafft er es noch in die neue Oper von Sydney. Und wenn sein Chef in The Way Through the Woods zu ihm sagt: You should've been here last summer. You only got the tail-end of it. Off sunning yourself in Beirut, kann Morse das nur trocken mit Bayreuth kommentieren.

In der ersten Folge der Serie (The Dead of Jericho) spielt Morse den Tristan Akkord auf dem Klavier der toten Klavierlehrerin, er liebt nun einmal Wagner. Er ist nicht der erste musikalische Detektiv in der Geschichte der Krimiliteratur. Sherlock Holmes (hier Benedict Cumberbatch in der Rolle) spielte Geige, Lord Peter Wimsey Klavier. Holmes besaß sogar eine Stradivari. Das erzählt uns auf jeden Fall Dr Watson: We had a pleasant little meal together, during which Holmes would talk about nothing but violins, narrating with great exultation how he had purchased his own Stradivarius, which was worth at least five hundred guineas, at a Jew broker’s in Tottenham Court Road for fifty-five shillings.

Wir wollen mal hoffen, dass die Stradivari wirklich echt war. Frank Peter Zimmermann musste seine Stradivari (die den Namen Lady Inchiquin hatte) ja leider gerade zurückgeben. Aber es sind nicht nur die englischen gentleman detectives, die der Musik zugetan sind, wenn sie nicht sogar Komponisten sind wie Robert Bruce Montgomery. Der unter dem Pseudonym Edmund Crispin diese wunderbar schrägen Professor Fen Romane schrieb. Auch die amerikanischen hard-boiled Kollegen der gentleman detectives sind nicht frei von musikalen Neigungen. In Chandlers Erzählung I'll Be Waiting (die hier einen Post hat) spielt Mozart eine große Rolle. Und in The Little Sister findet sich diese Unterhaltung zwischen einem Sergeant und Philip Marlowe:

"I play the piano a good deal," he said. "I have a seven-foot Steinway. Mozart and Bach mostly. I'm a bit old-fashioned. Most people find it dull stuff. I don't."
"Perfect casting," I said, and put a card somewhere.
"You'd be surprised how difficult some of that Mozart is," he said. "It sounds so simple when you hear it played well."
"Who can play it well?" I asked.
"Schnabel."
"Rubinstein?"
He shook his head. "Too heavy. Too emotional. Mozart is just music. No comment needed from the performer." 

Und wenn Sie noch mehr Musik wollen, dann lesen Sie James Mallahan Cains Serenade. Da merkt man auf jeder Seite, dass der Sohn einer Opernsängerin eigentlich selbst Sänger werden wollte. Und vielleicht sollte man anmerken, dass Chandlers Frau Cissy in erster Ehe mit einem Konzertpianisten verheiratet war (und selbst eine Pianistin war). Da liegt der Mozart nicht weit.

In The Death of the Self (✺hier ganz zu sehen) können Sie den Chief Inspector Morse auch als Begleiter der Sängerin Nicole Burgess im offenen Citroen zu einer Villa fahren sehen (ab Minute 39), die Palladios Rotonda sehr ähnlich ist. Hunderte von Stellen im Internet behaupten, dass es die Rotonda ist, aber sie ist es nicht. Wenn Sie den langen Post Palladio gelesen haben, dann wissen Sie natürlich, dass es die Villa Pisani von Vincenzo Scamozzi ist.

In The Death of the Self treffen wir auch jemanden wieder, den wir heute in einer ganz anderen Rolle kennen. Das hier ist Michael Kitchen, der Star der Serie Foyle's War. In der Folge ist er allerdings nicht wie Foyle eine Personifikation des Guten und aller englischen Werte, da ist er ein international operierender Betrüger.

Wenn man Morse fragt: What's your first name? antwortet er mit Inspector. Aber Adele Cecil lässt sich damit natürlich nicht abspeisen: Well, you could start by telling me your name. (Morse:) Everyone just calls me Morse. I do have a first name, of course, but I'd have to know you better. (Adele:) You won't know me better if you don't tell me. (Morse:) Right. My A whole life's effort has revolved around Eve. Nine letters. And that is the truth, the whole truth. Das ist nun etwas für Menschen, die Kreuzworträtsel, Anagramme und solche Dinge lieben. People who do crosswords have blanks in their lives and they haven't a clue how to fill them. Don't you think? wird Adele sagen.

Morse liebt Kreuzworträtsel. Als ihn sein Chef fragt: What's the matter? Brain not what it was? antwortet er My brain is fine, thank you. I did today's Times crossword in 11 minutes. Das hört der Superintendent Strange nicht so gerne: If you spent more time on your case, you would have something to tell me. Am Ende von Death Is Now My Neighbour sind Adele Cecil, Morse und Lewis in einem Pub. Das englische Pub ist das natürliche Habitat von Morse. Und in dieser Szene in der Kneipe (Bild) erfahren wir auch zum ersten Mal den Vornamen von Morse: Adele Cecil: This anagram, "around eve" — I've tried and I've tried, but all I can come up with is "Endeavour". And no-one's called Endeavour, surely? Morse: I told you — my mother was a Quaker, and Quakers sometimes call their children names like 'Hope', and 'Patience'. My father was obsessed with Captain Cook, and his ship was called Endeavour. Why aren't you both laughing? Lewis: You poor sod! Adele Cecil: I'm not calling you "Endeavour". Lewis: Call him "Sir". He likes that. Adele Cecil: Oh, no, no,— I'll stick to "Morse", like everyone else. Morse: [Raises his glass of beer.] Cheers.

Inzwischen gibt es als spin off der Serie Morse eine TV Serie, die Endeavour heißt, ein prequel, das die Erlebnisse des jungen Endeavour zeigt. So etwas musste ja kommen. Wenn sich der junge Police Constable Endeavour Morse hier an einen Jaguar lehnt, dann soll das noch nicht heißen, dass er schon damals einen besaß. Damals fuhr die Polizei noch schwarze Jaguars. In den Romanen von Colin Dexter, die der Serie zugrunde liegen, fuhr Morse einen alten Lancia. Aber den konnte man bei den Dreharbeiten angeblich nicht finden, den Jaguar kaufte man für 1.500 Pfund bei einem Schrotthändler.

Das Auto wurde berühmt wie die Serie, zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens des Senders ITV kam er sogar auf eine Briefmarke der englischen Post. In einer englischen Umfrage nach dem berühmtesten Auto der Filmgeschichte, schlug der weinrote Jaguar vor Jahren sogar das Auto aus Chitty Chitty Bang Bang und James Bonds Aston Martin.

Dieses Photo hat ein englischer Morse Fan 1999 in Kalifornien geschossen. Wir wissen natürlich, dass das Original das Kennzeichen 248 RPA besitzt, aber ein Autokennzeichen Morse ist natürlich auch nicht schlecht. Die Geschichte von Morses Automobil ist immer wieder erzählt worden, wenn man ihr einen Titel geben sollte, dann wäre Fitzgeralds The cruise of the rolling junk wohl angebracht. Für den Hauptdarsteller John Thaw war das Auto a beggar to drive, bei den Dreharbeiten war immer ein Mechaniker anwesend. Freunde der Firma Jaguar könnten jetzt noch den Post Des Königs Jaguar lesen.

Ich hatte in Inspector Lewis (dem spin off von Morse) versprochen, demnächst über Morse zu schreiben. Dies ist doch schon mal ein Anfang. Die dreiunddreißig Folgen von Morse (plus fünf Specials) mit John Thaw und Kevin Whately kosten etwas mehr als fünfzig Euro. Eine deutsche Tonspur gibt es leider nicht, aber es gibt englische Untertitel. Das ist auch eine schöne Gelegenheit, um Ihr Englisch zu schulen. Die Serie nach den Romanen von Colin Dexter war überall auf der Welt zu sehen. Nur in Deutschland nicht. Wahrscheinlich weil wir mit der deutschen Tatort Tristesse und Henning Mankell auskommen.


Freitag, 6. Februar 2015

Palladio


Es war kurz vor der Doktorprüfung, als ich den Vortrag eines Professors über Palladios Villa Rotonda besuchte. Der Vortragende würde der Beisitzer in meiner Prüfung sein, das wusste ich schon. Da konnte es nicht schaden, dass ich mich da mal sehen ließ (obgleich ich immerhin schon das ganze Semester lang seine Palladio Vorlesung besuchte). Es war eine Veranstaltung, zu der die Dante Aligheri Gesellschaft eingeladen hatte, die an diesem Abend zu fünfundneunzig Prozent aus älteren Damen bestand. Der Vortrag war ganz nett, es gab viele Farbdias.

Vor einem halben Jahrhundert war man im Fach Kunstgeschichte mit farbigen Bildern in Vorlesungen oder bei Vorträgen nicht so verwöhnt, sie waren meistens schwarz-weiß. Die Glasplatten wurden von der Photographin des Instituts in den Projektor gelegt, wenn der Professor vorne in der Dunkelheit mit dem Stöckchen klopfte. Manchmal legte die Photographin die Platten zum Zorn des Professors auch falsch herum ein. Ein Student am Warburg Institute, der bei seinem Referat die Dias ständig seitenverkehrt einlegte, musste sich von dem berühmten Professor Ernest Gombrich einmal sagen lassen, dass das Leben eines Kunsthistorikers damit beginnt, die Bilder richtig zu präsentieren.

An diesem Abend war aber alles richtig. Doch am Ende des Vortrags wollte der Vortragende seine Ausführungen mit einem Goethezitat beenden, das machte man ja gerne in dieser Zeit. Goethe ist immer gut. Da werden dann meist keine Fragen mehr gestellt. Als er das Bild der Villa Rotonda abgeblendet hatte und im dunklen Saal mephistomäßig nur noch von der kleinen Lampe des Pultlichts erleuchtet wurde, hatte er das Goethezitat verlegt.

Er hat mehrere Minuten hektisch im Lampenschein danach gesucht, das war sehr komisch. Der schöne kalkulierte Goethe Effekt, auf den er hingearbeitet hatte, war zum Teufel. Die Verehrer von Goethe assoziieren bei der Namensnennung der Rotonda immer ihren Lieblingsdichter, das ist wie beim Pawlowschen Hund. Opernfreunde assoziieren mit der Villa vielleicht Joseph Loseys Don Giovanni Film (✺hier ganz zu sehen). Und für die Engländer kann die Villa Almerico Capra wieder etwas ganz anderes bedeuten.

Johann Wolfgang von Goethe hatte sich in Padua eine Faksimile Ausgabe der Quattro libri dell’architettura gekauft und schrieb in das Tagebuch seiner Italienischen Reise: Endlich habe ich die Werke des Palladio erlangt, zwar nicht die Originalausgabe, die ich in Vicenza gesehen, deren Tafeln in Holz geschnitten sind, aber eine genaue Kopie, ja ein Faksimile in Kupfer, veranstaltet durch einen vortrefflichen Mann, den ehemaligen englischen Konsul Smith in Venedig. Das muss man den Engländern lassen, dass sie von lange her das Gute zu schätzen wussten, und dass sie eine grandiose Art haben, es zu verbreiten.

Goethe war von Palladio begeistert, nach der ersten Lektüre der Quattro libri dell’architettura schreibt er an Frau von Stein: Ich sah in Verona und Vicenz was ich mit meinen Augen ersehen konnte, in Padua fand ich erst das Buch, jetzt studier ich's und es fallen mir wie Schuppen von den Augen, der Nebel geht auseinander und ich erkenne die Gegenstände. Und was Goethe sonst noch über die Villa Almerico Capra geschrieben hat, können Sie hier lesen. Falls Sie mal ein Zitat für einen Vortrag über Andrea di Piero della Gondola, den man Palladio nennt, brauchen sollten.

Der Konsul Smith, den Goethe hier erwähnt, heißt Joseph Smith. Er ist Kunstfreund und Kunstsammler (und eine Art Banker für alle Engländer auf ihrer Grand Tour). Er verehrt Palladio, deshalb hat er 1768 dessen Architekturbücher nachdrucken lassen. Schöner als im Original. Auf besserem Papier und mit Kupferstichen statt der originalen Holzschnitte. Das Bild im oberen Absatz hat Smith sich von Antonio Visentini und Francesco Zuccarelli malen lassen. George III hat ihm das Bild 1762 abgekauft. Es sieht aus wie die Villa Rotunda, ist es aber nicht. Diese Photographie des selben Hauses aus den dreißiger Jahren zeigt noch einmal die Villa, die der Rotonda so ähnlich sieht.

Der Landsitz heißt Mereworth Castle, es ist ein beinahe originalgetreuer Nachbau, den Colen Campbell (der Architekt von Lord Burlington) in den 1720er Jahren für den Earl of Westmorland gebaut hatte. Die Palladio Begeisterung der Engländer im 18. Jahrhundert nimmt schon erstaunliche Formen an (der von Thomas Wright 1754-7 gebaute Nuttall Temple wurde leider 1929 abgerissen). Wir können auch sehen, dass Palladios Villa nicht an die Landschaft Venetiens gebunden ist, sie fügt sich ebenso harmonisch in einen englischen Landschaftsgarten (zu dem es hier einen langen Post gibt) ein.

Es ist ein Zusammentreffen von Gegensätzen. Erwin Panofsky hat in einem witzigen Aufsatz mit dem Titel The ideological antecedents of the Rolls-Royce radiator auf die gerade, klare Gliederung der Villen des Palladian Style hingewiesen (und der Rolls-Royce Kühler verdankt Palladio ja auch vieles), die in völligem Gegensatz zu der gewollten Unordnung der Natur des englischen Landschaftsgarten steht.

Die Villa mag italienisch sein, der Garten ist englisch. Und darauf lassen die Engländer nichts kommen. Wie Thomas Gray so schön sagte: The only proof of our original talent in matter of pleasure is our skill in gardening and the laying-out of grounds. And this is no small honour to us, since neither Italy nor France has ever had the least notion of it, nor yet do the least comprehend it when they see it. It is very certain, we copied nothing from them, nor had anything but nature for our model. Dass man die Analogie zwischen Palladio und dem Rolls-Royce Kühler noch weiter treiben kann, hat der Schweizer Photograph Leonardo Bezzola mit dieser Photomontage von Palladios Villa Badoer und dem Kühler eines Rolls Royce Silver Ghost gezeigt. Das ist sicherlich ein wunderbares Beispiel für das, was Aby Warburg mit dem Terminus Bilderfahrzeuge gemeint hat.

Das hier ist auch nicht die Rotonda. Was wie eine missratene Sparversion von Palladios Villa aussieht, ist die Villa Pisani von Vincenzo Scamozzi (sie ist das Vorbild für den oben erwähnten Nuttall Temple gewesen). Scamozzi stellte nach Palladios Tod noch einige Bauten wie das Teatro Olimpico fertig. Er ist als Architekturtheoretiker wohl wichtiger denn als Baumeister, obgleich er sich selbst immer als bedeutender als Palladio empfand. Was er nicht ist. Er kann nicht einmal besonders gut seinen Lehrer imitieren.

Das haben über die Jahrhunderte viele gekonnt. Es gibt kaum einen Architekten, der so häufig kopiert, imitiert und zitiert wurde wie Andrea Palladio. Man kann immer noch mit den Formelementen seiner Architektur schöne Häuser bauen. Dies hier ist die Kathedrale von Brentwood, 1989 bis 1991 nach Plänen von Quinlan Terry (der schon in dem Post Jacob van Campen erwähnt wird) in Formen der italienischen Renaissance und des englischen Barock erbaut.

Ich weiß nicht, ob dieses postmoderne Zitieren gut oder schlecht ist. Manchmal ist es schlichtweg lächerlich. So wie Philip Johnsons Sony Hochhaus. Aber manche Bauten wirken auch sehr überzeugend palladianisch. So wie diese mit Loggien (die Palladio liebte) versehene Ranch in Montecito. Dort erwartet man normalerweise eher Häuser von Frank Lloyd Wright (der hier einen Post hat), aber nicht Imitationen von Andrea Palladio. Aber irgendwie geht das Ganze harmonisch auf.

Wenn heute die meisten Architekten auf die Bausteine eines Lego Baukastens zurückgreifen, bedienten sich die Baumeister, die eine Wiedergeburt (re-naissance) der Antike wollten, aus dem klassischen Formenkatalog der Antike. Säulen, Tympanon, Portikus und griechische Tempelfronten wurden wieder hervorgeholt. Und das von Palladio gerne verwendete Venezianische Fenster (das auch Palladio-Motiv oder Serliana heißt) geht auf den Triumphbogen zurück (ich habe hier eine interessante Seite des Center for Palladian Studies in America über Palladios Bauelemente). In der Rotonda zieht Palladio alle Register. Normalerweise hat eine Villa eine Schauseite, die Villa Rotonda hat vier. Das Haus ist nach außen gebaut, Schaustück einer Idealarchitektur. Nicht unbedingt zum Wohnen. Just for show. Was Palladio zu den Gardinen in dem Fenster links gesagt hätte, weiß ich jetzt nicht.

Palladio ist der erste, der eine Kuppel (die bei der Rotonda zuerst noch oben offen war) für einen Profanbau verwendet. Es sollte bei aller Begeisterung für Palladios Villen nicht vergessen werden, dass er auch Kirchen gebaut hat. Rudolf Wittkower sagt in seinem Buch Architectural Principles in the Age of Humanism (dt. bei dtv: Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus), dass wir nicht vergessen sollten, dass der Kirchenbau auch einen Einfluss auf die Profanbauten in dieser Zeit hat:

Der Glaube an die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos, an die harmonische Struktur des Weltalls, an die Anschauung Gottes unter den mathematischen Symbolen der Mitte, des Kreises, der Sphäre - all diese eng miteinander verknüpften Gedanken, die ihre Wurzeln in der Antike haben und zu den unbestrittenen Glaubenssätzen mittelalterlicher Philosophie und Theologie gehörten, kamen in der Renaissance zu neuem Leben und fanden sichtbaren Ausdruck in der Renaissancekirche. 

Die von Menschen geschaffenen Formen der Körperwelt waren die Vergegenständlichung mathematischer, der Geisteswelt angehöriger Symbole, und die Verknüpfung zwischen den reinen Vorstellungen der absoluten und der stofflichen Formen der angewandten Mathematik war sinnlich direkt wahrnehmbar. Für die Menschen der Renaissance war diese Architektur mit ihrer klaren Geometrie, ihrer strengen Anmut, ihrem harmonischen Wohlklang und vor allem der Pracht der sphärischen Kuppel, ein Abglanz, ja noch mehr, eine Offenbarung göttlicher Vollkommenheit, Allmacht, Wahrheit und Güte.

Die Tür ist offen, wir können eintreten. Hier in den lichtdurchfluteten Eingangssaal der Villa Cornaro. Die Besitzer erlauben uns das, sie wohnen selbst hier. Dazu später mehr. Ich fange mal mit einigen Büchern zu Palladio an. Und nein, das soll kein ausführlicher Literaturbericht über die Palladio Forschung werden, ich komme mit wenigen Titeln aus. Man braucht sicherlich den Fotobildband A Venetian Concert (mit vier Musik CDs) nicht unbedingt, ich erwähne den nur, weil er mir gerade in die Hand fiel. War für mich eine Erinnerung daran, dass ich endlich über Palladio schreiben wollte.

Meine erste Buchempfehlung ist Lionello Puppis voluminöses Werk Andrea Palladio: Das Gesamtwerk, das bei der Deutschen Verlags Anstalt erschienen ist. Es gibt davon auch eine gekürzte Studienausgabe, aber eigentlich sollte es schon das ganze Buch mit seinen 569 Seiten sein. Stadtpaläste, Landsitze (wie hier die ➱Villa Godi, einer der ersten Bauten von Palladio), öffentliche Gebäude, Brücken, Kirchen und Theater: alles ist hier drin.

Meine zweite Empfehlung ist ein beinahe fünfzig Jahre alter kleiner (195 Seiten) Band aus der Pelican Reihe The Architect and Society, der bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren hat. Der Autor James Ackerman geht inzwischen auf die hundert zu, ist aber noch quicklebendig. Er hat eine eigene Internetseite, und Sie können hier mehr über ihn lesen. Und ihn hier in einem Interview aus dem Jahre 2010 sehen. Bei den Feiern zum 500. Geburtstag von Palladio hat Venedig ihn zum Ehrenbürger gemacht (Ehrenbürger von Padua war er schon vorher), und er hat 2008 auch einen Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Vendig bekommen. Leider ist das Buch vergriffen, aber man kann es noch antiquarisch finden. Die besten Angebote sind zur Zeit bei booklooker, wo man auch die deutsche Ausgabe dieses Buches findet, die 1980 bei Hatje in Stuttgart erschienen ist.

Meine letzte Literaturempfehlung ist Witold Rybczynskis Das vollkommene Haus: Eine Reise mit dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio. Es ist ein wunderbares, lebendiges Buch, bei dem man die Begeisterung des Autors für sein Thema spüren kann. Man kann das Buch, das im Original den Titel The Perfect House: A Journey with Renaissance Master Andrea Palladio hat, auch als Reiseführer zu den Villen des Architekten gebrauchen. Das Buch macht deutlich, weshalb dieser Baumeister mit seinen Villen in Venetien in fünfhundert Jahren nichts von seiner Bedeutung verloren hat.

In einem Brief von 1816 schreibt Jeffersons Privatsekretär Isaac A. Coles an John Hartwell Cocke: With Mr. Jefferson I conversed at length on the subject of architecture. Palladio, he said ‘was the bible.’ You should get it and stick close to it… Und Jefferson hat sich bei seiner Villa Monticello auch sehr genau an Palladio gehalten. Vielleicht ist der Einfluss Palladios nirgendwo so groß gewesen wie in Amerika. Wir brauchen nur an das Weiße Haus zu denken. Mehr zu dem Thema findet man in dem vorzüglichen Buch von Baldur Köster Palladio in Amerika. Das habe ich schon in dem Post 18th century: Architecture erwähnt. Und ich habe hier noch einen kleinen ✺Film zu dem Thema, den James Ackerman und John Terry gedreht haben.

Die Villa La Rotonda liegt auf einem Hügel, der Architekt war von der Lage begeistert: Die Lage gehört zu den anmutigsten und erfreulichsten, die man finden kann. Das Haus liegt auf einem leicht zu besteigenden Hügel, der auf der einen Seite vom Bacchiglione, einem schiffbaren Fluß, begrenzt wird, und auf der anderen Seite von weiteren lieblichen Hügeln umgeben ist, die wie ein großes Theater wirken.

Die Straße im Vordergrund des Bildes oben gehörte nicht zur Planung Palladios. Der Fiat 500 auch nicht. In England wäre hier ein großer Landschaftsgarten um einen Landsitz. Und wenn da ein Auto stände, dann wäre es ein Rolls. Und das muss natürlich ein Silver Wraith mit der Karosserie von Hooper sein. Eine von Mulliner Park Ward geht gar nicht.

Ein Kuppelbau (der zuerst oben offen war) in der Mitte, vier identische Portiken drumherum (die Proportionen entsprechen übrigens musikalischen Intervallen). Kann man hier wirklich wohnen? Vitruvs Forderung der utilitas, der Nützlichkeit, scheint Palladio hierbei nicht interessiert zu haben (bei anderen Villen schon). Das ist auch Goethe sofort aufgefallen, wenn er schreibt: hier konnte der Baumeister machen was er wollte und er hats beynahe ein wenig zu toll gemacht... Er hat noch mehr zu kritisieren: Inwendig kann man es wohnbar, aber nicht wohnlich nennen. Der Saal ist von der schönsten Proportion, die Zimmer auch; aber zu den Bedürfnissen eines Sommeraufenthalts einer vornehmen Familie würden sie kaum hinreichen.

Aber Signore Paolo Almerico, der referendario apostolico von Pius IV und Pius V, ist trotzdem hierher gezogen. Er hat aber zu seinen Lebzeiten (ebenso wie der Architekt) die Villa nicht im vollendeten Zustand gesehen. Es sollte nicht verheimlicht werden, dass sein illegitimer Sohn (auch so etwas gibt es bei Klerikern) die Villa (die eigentlich noch eine Baustelle ist) nach dem Tod des Vaters an die Brüder Odorico und Mario Capra verkaufte, weshalb sie manchmal auch Villa Almerico Capra heißt.

Nicht alles an der Architektur einer Villa kann schön sein, versichert uns Palladio im Buch II der Quattro libri dell'architettura: Denn wie auch im menschlichen Körper einige edle und schöne Teile und einige eher unedle und häßliche anzutreffen sind, die für jene offensichtlich außerordentlich notwendig sind und ohne die die ersteren nicht sein könnten, so müssen auch in den Bauwerken neben einigen ansehnlichen und ehrenvollen auch einige weniger elegante Gebäudeteile vorhanden sein, von denen die erstgenannten jedoch nicht unbeeinflußt bleiben können und die so einen Teil ihrer Würde und Schönheit einbüßen. 

Aber Gott der Herr hat die Teile, die am schönsten sind, an jene Stellen gesetzt, auf die der Blick zuerst fällt, die weniger ehrenvollen Teile aber an versteckte Orte. Und so ordnen auch wir beim Bauen die hauptsächlichen und ansehnlichsten Gebäudeteile offen und die weniger schönen an den unseren Augen am verborgensten liegenden Stellen an, damit so alle Häßlichkeiten des Hauses und all jene Dinge, die einen in Verlegenheit bringen und die die schönen Teile häßlich machen würden, untergebracht werden können. Und wenn da mal kein Fenster ist, dann malt Paolo Veronese eins an die Wand.

Viele der Villen Palladios sind nicht einfach eine Casa di Villa, die der Architekt aufs Land versetzt hat, obgleich es diesen Typ natürlich gibt. Viele sind das Hauptgebäude eines landwirtschaftlichen Betriebes (fattoria). Alles, was links und rechts des quadratischen Hauses der Villa Emo ist, gehört zur fattoria. Die beiden Taubenhäuser links und rechts inklusive. In diesem Zusammenhang muss ich mal eben das Wort villeggiatura einführen. Klingt eleganter und eindrucksvoller als Stadtflucht, aber es ist eine Stadtflucht, die Adel und Großbürgertum der Renaissance sich jetzt erlauben. Vielleicht, weil sie auf dem Land ein neues Arkadien zu finden hoffen, wie man es manchmal lesen kann. Vielleicht auch nur, weil sie die Stadt leid sind.

Aber vielleicht eher deshalb, weil man mit dem Bau einer Villa außerhalb von Venedig auch den Machtanspruch auf das Land jenseits der wasserumspülten Lagunenstadt demonstrieren will. Der Beginn für die villegiatura könnte man mit dem Jahre 1433 ansetzen, wo Venedig vom Kaiser Sigismund von Luxemburg die Terraferma als seinen Besitz zugesprochen bekommt. Ein Buchtitel wie Die Villa als Herrschaftsarchitektur macht das deutlich. Das Buch von Reinhard Bentmann und Michael Müller erschien 1970 in Suhrkamps Regenbogenreihe (hier das Cover der Neuauflage bei Syndikat) und hat den Untertitel Versuch einer kunst- und sozialgeschichtlichen Analyse. Die Betonung des letzteren war den Autoren damals wichtig, 1968 war gerade vorbei, da musste eine gesellschaftspolitische Komponente hinein.

Wobei man sagen muss, dass das nicht gerade revolutionär neu war. Dass die Kunstgeschichte etwas mehr als mehr als architektonische Formensprache und emphatische Begeisterung à la Goethe ist, hatte schon die Pelican Reihe mit dem society im Titel der Reihe The Architect and Society deutlich gemacht. Das erkennen Bentmann und Müller auch durchaus an. Ihr wirklich substantielles Buch hat mehrere Auflagen erlebt und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Das Bild hier zeigt die Villa Barbaro in Maser mit den barchessen links und rechts, die natürlich für die fattoria sind.

Das Bild oben über dem Landschaftsbild von Veronese und dieses Bild hier zeigen die Villa Saraceno, die in einem beinahe abbruchreifen Zustand war. 1989 kaufte eine private Organisation das Gebäude und ließ es umfassend von der englischen Firma John Francis Bucknall restaurieren. Der Käufer war kein italienischer Mäzen, keine italienische Organisation, es war ein Engländer. Und hier kommt wieder einmal der Name Smith ins Spiel.

Goethe, der Joseph Smiths Grab auf dem Lido 1786 besuchte, schrieb in seiner Italienischen Reise: Auf dem Lido, nicht weit vom Meer, liegen Engländer begraben, und weiterhin Juden, die beiderseits in geweihtem Boden nicht ruhen sollten. Ich fand das Grab des edlen Konsul Smith und seiner ersten Frauen; ich bin ihm mein Exemplar des Palladio schuldig und dankte ihm auf seinem ungeweihten Grabe dafür. Und nicht allein ungeweiht, sondern halbverschüttet ist das Grab. Das Lido ist immer nur wie eine Düne anzusehen; der Sand wird dorthin geführt, vom Winde hin und her getrieben, aufgehäuft, überall angedrängt. In weniger Zeit wird man das ziemlich erhöhte Monument kaum wiederfinden können. Diesen Giovanni Bellini, der Joseph Smith gehört hatte, kaufte nach seinem Tod ein anderer englischer Kunstfreund und Architekturliebhaber: William Beckford. Der hat hier natürlich einen Post.

Joseph Smith hatte sein Geld im Bankgeschäft gemacht, Sir John Lindsay Eric Smith, CH, auch. Er kommt aus einer Familie von Bankiers, aber er ist auch ein Philantroph und Kunstfreund, der von 1952 bis 1995 einer Vielzahl von Ausschüssen des National Trust angehörte. 1965 gründete er seinen eigenen Trust, den Landmark Trust. Der kümmert sich wie der National Trust um historische Bauwerke. Ist aber ein klein wenig anders: der Landmark Trust lässt Interessenten darin wohnen. Gegen angemessene Bezahlung.

Die Einnahmen wandern nicht in die Tasche von Sir John, damit werden die Unterhaltskosten getragen. Einer der ersten, der sich in der Villa Saraceno einmietete, war der amerikanische Professor Witold Rybczynski, der gerade sein Buch über Palladio schrieb. Und er wollte unbedingt einmal in einer Palladio Villa wohnen. Im Kapitel Palladios Geheimnis von Das vollkommene Haus: Eine Reise mit dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio hat er darüber geschrieben. Der Landmark Trust hat bei der Gelegenheit auch die zum Landgut gehörenden ehemaligen Bauernhäuser saniert (die allerdings nicht von Palladio entworfen worden waren) und sie als Ferienhäuser eingerichtet. 

Inzwischen ist die Villa (zusammen mit anderen Villen Palladios) zum Weltkulturerbe erklärt worden. Und wenn Sie die Villa buchen wollen, klicken Sie hier. Die Schlafzimmer sind unter dem Dach, da wo früher das Gesinde gewohnt hat. Im Untergeschoss waren Wirtschaftsräume und Weinkeller, das piano nobile war die Bühne für die Repräsentation. Hier könnte Don Giovanni sein Fin ch'han dal vino singen.

Für die Privatinitiative bei der Renovierung einer Palladio Villa hätte ich noch ein anderes Beispiel: Ein Ehepaar aus Atlanta, Carl and Sally Gable, suchte ein Wochenendhaus in den White Mountains von New Hampshire oder in Vermont. Da stieß Sally Gable im New York Times Magazine auf ein Verkaufsangebot für die Villa Cornaro in Venetien. Lassen wir Sally Gable mal eben selbst sprechen:

I begin to thumb the pages where ads appear for grand houses on Long Island and penthouses in Manhattan, and occasionally for summer houses in New England. I have chosen a bad week for New England summer homes, however; not a single one is listed. In the midst of my disappointment, my eye stops at an unusually unattractive ad from a Greenwich, Connecticut, realtor for a villa in the Veneto region of Italy, a villa allegedly designed by Andrea Palladio, the most influential figure in the history of western architecture. Frankly, the whole thing seems implausible, but an interesting coincidence nonetheless. The coincidence lies in the fact that Carl and I had made plans several months earlier for a July visit to the Palladian villas in the Veneto. Our friends from London, Judith and Harold, are to meet us there. With a “Ha!” I show the ad to Carl and tell him that if I don’t find the right spot in New England, we can always settle for our own Palladian villa.

Die Villa Cornaro ist wohl die Villa Palladios, die am längsten im Besitz der Familie des Erbauers war. 253 Jahre gehörte sie den Cornaros, danach drei anderen Familien. Dass während des Krieges hier deutsche Offiziere wohnten, lassen wir mal eben aus. In den 1950er Jahren war die Villa der Kindergarten der Gemeinde. Etwas, wovon Palladio wohl nie geträumt hat. Danach stand sie für Jahre leer. 1969 hat sie Richard H. Rush aus Greenwich (CT) gekauft, der auch ein Buch mit dem Titel Art as an Investment geschrieben hat. Mr und Mrs Rush haben dann in die Villa zwanzig Jahre Arbeit investiert. Sie können ➱hier alles dazu lesen. Es war später gar nicht so leicht, das Objekt wieder loszuwerden. Aber das Ehepaar aus Atlanta schien für das Ehepaar Rush der richtige Käufer zu sein, selbst wenn sie nicht so viel boten wie andere Interessenten.

Die Gables haben die Villa gekauft. Inklusive der Möbel. Sie brauchten nur ihre Zahnbürsten mitzubringen, alles andere war da. Sie haben noch einiges an Arbeit hineingesteckt. Und dabei Italienisch gelernt. Das Ehepaar weiß jetzt alles über Palladio. Carl Gable ist mittlerweile einer der Direktoren des Center for Palladian Studies in America. Seine Frau Sally Gable hat dann ein Buch über das italienische Abenteuer geschrieben (Sie können hier den Anfang lesen): Palladian Days: Finding a New Life in a Venetian Country House. Es ist ein schönes Buch, voll von warmherzigem Humor. Wenn Sally zum ersten Mal nach Venetien fliegt, um sich die Villa anzusehen, sagt ihr Gatte zu ihr: Remember, the lady of a villa is called a villainess.

Etymologisch ist das nicht so ganz richtig, schon im Mittelenglischen, wohin das französische vilein gewandert ist, hat das Wort eine negative Bedeutung (die das französische vilain und das italienische villano ebenso wie das englische villain heute noch haben). Nein, eine villainess finden wir eher in der Gothic Novel, nicht in einer Villa von Palladio. Zwar wurden in dem Year without a summer, Gothic Novels in einer Villa geschrieben, aber die Villa Diodati hat Palladio nicht gebaut.

Die Links im Text sind heute in dem Post das Beste. Lesen Sie auch: ➱Lord Burlington, ➱Inigo Jones, ➱Robert Adam, ➱18th century: Architecture.