Montag, 31. August 2026

The Muse Among the Motors

So sah im Jahre 1905 für den Maler Hubert von Herkomer die Zukunft aus. Beinahe nackt, die Schamgegend mit einem durchsichtigem Kleid etwas verhüllt. Die Augen verbunden und an ein Auto gefesselt. Das Aquarell fand sich auf der Menükarte für ein Bankett, das am Ende eines Autorennens, der ersten →Herkomer Konkurrenz, gefeiert wurde. Denn unser Maler, der einen bayrischen und einen englischen Adelstitel hatte, war ein klein wenig autoverrückt. Dass halbnackte oder nackte Frauen zusammen mit Automobilen gezeigt werden, sogar zu einer obligaten Garnierung werden, wird die Werbewirtschaft im zwanzigsten Jahrhundert dankbar aufnehmen. 

Denn das sex sells funktioniert anscheinend immer. das hat Jörg Nimmergut, der in München eine eigene Werbeagentur besaß, mit seinem Buch Werben mit Sex bewiesen. Als das Buch 1966 erschien, wurde es von der Staatsanwaltschaft wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften nach § 184 StGB verboten. Dabei war das wirklich ein seriöses Buch. 1982 ist es dann bei Wilhelm Heyne nochmals aufgelegt worden, man kann es heute noch bei ebay finden.

Noch nackter als Herkomers Zukunft waren die beiden Models Sue Shaw und Helen Jones, die 1971 bei der Earls Court Motor Show Werbung für den TVR Sportwagen machten. Sie waren auch in Nimmerguts Werben mit Sex abgebildet. Das war lange bevor Frauen  halbbekleidet bei Ferrari herumlungerten und Boxenluder hießen. Mein Bruder hatte mal einen TVR, der so flach war, dass ich mit ihm beinahe unter der Parkschranke vom Uni-Parkplatz hindurchfahren konnte. Der Wagen wurde allerdings ohne nackte Beigaben geliefert. Ich bringe dieses Photo, das sich am Rande des guten Geschmacks bewegt, nur um zu zeigen, dass sich England in den siebziger Jahren gegenüber der Welt von Sir Hubert von Herkomer sehr verändert hat.

Frauen und Autos (hier die Schriftstellerin Joan Didion vor ihrer gelben Corvette Stingray) sind ja ein unerschöpfliches Thema. Ich war gerade dabei, einen Post über die Chevrolet Corvette zu schreiben, als ich sah, dass der amerikanische Schriftsteller Percy MacKaye am 31. August 1956 gestorben war. Ich ließ die Sache mit der Corvette liegen, die mit einem Gedicht von David Meltzer angefangen hatte, von dem ich einmal die ersten Zeilen zitiere:

Lil took me when I was 20  
down Sunset Blvd thru Jazz City 
in a blue Corvette 
lent by another lover. 

Da ist es wieder, Frauen und Autos. Auch massenhaft in der amerikanischen Popular Culture, Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz?, aber auch in richtigen Lyrik. 

Denn Percy MacKaye ist wahrscheinlich der erste amerikanische Dichter, der ein Gedicht über das Auto schrieb. Sein Gedicht From an Automobile erschien im Januar 1910 in Scribner's Magazine. Das war das Jahr, in dem Henry Ford die Schlachthöfe in Chicago besuchte, die ihm das Vorbild für die Fließbandproduktion gewesen sein sollen. Damals gab es vielleicht eine halbe Million Autos auf Amerikas Straßen, heute sind es über zweihundertachtzig Millionen. In MacKayes Gedicht ist nichts von der Begeisterung, die Sir Hubert von Herkomer für das Auto empfand, zu finden. Eher das völlige Gegenteil:

Fluid the world flowed under us: the hills
Billow on billow of umbrageous green
Heaved us, aghast, to fresh horizons, seen
One rapturous instant, blind with flash of rills
And silver-rising storms and dewy stills
Of dripping boulders, till the dim ravine
Drowned us again in leafage, whose serene
Coverts grew loud with our tumultuous wills.

Then all of Nature's old amazement seemed
Sudden to ask us: "Is this also Man?
This plunging, volant, land-amphibian
What Plato mused and Paracelsus dreamed?
Reply!" And piercing us with ancient scan,
The shrill, primeval hawk gazed down -- and screamed.

Hier bricht die neue Technik geradezu gewalttätig in die Natur ein, versetzt uns in ein Schwindelgefühl. Wir sehen die auf uns anstürmende Welt vom Auto aus, das sagte auch der Originaltitel des Gedichts From an Automobile, der später in The Automobile geändert wurde. Die erste Strophe gehört dem Eindruck der Fahrt, die zweite ist ein Raisonnement über das, was die Maschine der Natur antut. Die Frage Is this also Man? bleibt bestehen. Auch wenn sie heute in Amerika eher so aussieht. Ähnliche Gedanken wie bei MacKaye  finden sich 1921 in dem Gedicht Automobile von Vladislav Khodasevich, wenn es in der letzten Strophe (in der englischen Übersetzung) heißt:

There was the world here, simple and whole,
But from the time as ‘He’ appeared,
The blanks gape in the world and soul,
As from the acids which were spilled.

Im gleichen Jahr, in dem das Gedicht von Khodasevich erschien, hat der Schriftsteller und Pädagoge Fred Newton Scott über das Gedicht From an Automobile in einem Aufsatz mit dem Titel Poetry in a Commercial Age in The English Journal gesagt: In these very commendable pieces of verse the all too obvious purpose is to coat a new subject with old poetic varnish or an old subject with new varnish. Not in such a way, I venture to affirm, can the age of automobiles or of subways be adequately pictured in poetry. The new subject must mold its own form, devise its own diction. What these will be no one can tell until they come

Gedichte über Automobile, sagt uns Professor Scott, müssten ihre eigene Form finden, er wisse nicht, wie diese Form aussehe. Herkomers an das Auo gefesselte nackte Zukunft weiß auch nicht, was auf sie zukommt. Autogedichte wird es im 20. Jahrhundert en masse geben. Dichter lassen das Thema nicht aus, auch Bert Brecht nicht. Als er Deutschland verlassen musste, dichtete er im Alfabet:

Ford hat ein Auto gebaut
das fährt ein wenig laut,
es ist nicht wasserdicht
und fährt auch manchmal nicht.

Brecht fährt im dänischen Exil einen Ford A, vorher hatte er einen Steyr gefahren. Den hatte er 1928 von der österreichischen Firma als Dank für sein Gedicht Singende Steyrwägen bekommen. Den Wagen hat die Gestapo 1933 beschlagnahmt. Nach dem Krieg hatte Brecht dann wieder einen Steyr 220 gekauft, er bleibt der Marke treu. Vielleicht fuhr er keinen Ford mehr, weil er inzwischen erfahren hatte, dass Henry Ford von Hitler begeistert war (und Hitler von Henry Ford) und antisemitische Bücher geschrieben hatte.

Rudyard Kipling war einer der ersten englischen Dichter, der Gedichte über Autos schrieb. Seit 1904 erschienen die Gedichte (die häufig die Form eines Pastiche haben) unter dem Titel The Muse Among the Motors, sie können eins davon in dem Post Reste lesen. In vielen Gedichten, die seit Herkomers Bild der nackten automobilen Zukunft entstehen, hat das Auto nur einen Nebenrolle. Wie in William Carlos Williams' Gedicht The Young Housewife aus dem Jahr 1916:

At ten AM the young housewife
moves about in negligee behind
the wooden walls of her husband’s house.
I pass solitary in my car.

Then again she comes to the curb
to call the ice-man, fish-man, and stands
shy, uncorseted, tucking in
stray ends of hair, and I compare her
to a fallen leaf.

The noiseless wheels of my car
rush with a crackling sound over
dried leaves as I bow and pass smiling.

Dieses schöne stille Gedicht (das wieder Frauen und Autos miteinander verbindet) ist sicherlich nicht das, was sich der Professor Fred Newton Scott unter der neuen Lyrik vorgestellt hat. Karl Shapiros Liebesgedicht auf seinen Buick von 1942 sicherlich auch nicht. Aber ich habe da ein Gedicht aus dem Jahre 1926 (dem Jahr, in dem Ford seine Tin Lizzy mit dieser Anzeige bewarb) von e.e.cummings, das in seiner Form ebenso neu wie das Automobil ist: 

she being Brand
-new; and you
know consequently a
little stiff i was
careful of her and (having
thoroughly oiled the universal
joint tested my gas felt of
her radiator made sure her springs were O.
K.) i went right to it flooded-the-carburetor cranked her
up, slipped the
clutch (and then somehow got into reverse she
kicked what
the hell) next
minute i was back in neutral tried and
again slowly; barely nudging (my
lever Right-
oh and her gears being in
A 1 shape passed
from low through
second-in-to-high like
greasedlightning) just as we turned the corner of Divinity
avenue i touched the accelerator and give
her the juice, good
(it
was the first ride and believe i we was
happy to see how nice she acted right up to
the last minute coming back down by the Public
Gardens i slammed on
the
internalexpanding
&
externalcontracting
brakes Bothatonce and
brought allofher tremB
-ling
to a: dead.
stand-
; Still)


Noch mehr Autos und Gedichte in meinem Blog automobilia.

Dienstag, 7. Oktober 2025

Sommerurlaub, Atomphysiker, Motorräder und Goethes 'Faust'

Als ich bei Wikipedia las, dass der dänische Atomphysiker Niels Bohr heute vor hundertvierzig Jahren geboren wurde, fiel mir zuerst sein Auto ein. Ich gab bei Google Niels Bohr und Autos ein, und die Künstliche Intelligenz sagte mir: Die Anfrage 'Niels Bohr Autos' ist mehrdeutig, kann sich aber auf den Physik-Nobelpreisträger Niels Bohr beziehen, dessen Namen eine Straße trägt, oder auf einen Vorfall mit Autos in Lübeck im Niels-Bohr-Ring. Niels Bohr ist bekannt für das Bohrsche Atommodell, nicht für Autos. Das war nicht das, was ich suchte. Ich weiß inzwischen, dass man Googles AI überhaupt nie benutzen sollte, aber die Einträge sind meistens hochkomisch.

Den Namen des Nobelpreisträgers Niels Bohr hörte ich zum ersten Mal vor fünfundsechzig Jahren, und das hatte etwas mit seinem Auto und seinen Fahrkünsten zu tun. Wir springen mal eben ins Dänemark des Jahres 1960, in eine unendliche Sommergeschichte. Auf dem Campingplatz von Grenaa hatte ich gerade die hübsche Schwedin Gunilla (natürlich blond) kennengelernt, die den ganzen Sommer lang nicht von meiner Seite wich. Genau genommen waren es nur drei Wochen, aber wenn man jung und verliebt ist, dauert alles viel länger. Wir schrieben uns noch jahrelang Liebesbriefe. Ich habe ihretwegen sogar ein Langenscheidt Lexikon und ein Buch Schwedisch für Anfänger gekauft. Zur Not konnte ich jag alskar dig sagen. Aber sie konnte sehr gut Englisch, das half ihr bei ihrem Job als Lektorin bei Bonniers. Englisch wird die Sprache sein, in der wir noch ein Jahrzehnt lang die geheimsten Gedanken und Sehnsüchte der Post zwischen Bremen und Stockholm anvertrauen. Je weiter man voneinander entfernt ist, desto größer wird die Vertrautheit. Was mag aus ihr geworden sein? Ist sie diese Gunilla, die den schwedischen Filmregisseur Pelle Berglund geheiratet hat? Auf dem einzigen Photo im Internet sieht sie ihr sehr, sehr ähnlich.

Unsere Nachbarn auf dem Campingplatz waren ein Ehepaar mit drei Söhnen (und zwei Collies), die aus Odense kamen. Er war dort Organist und las im Urlaub am liebsten immer die Romanen mit die Mörders darinne. Sie hatten einen grünen Buckel-Saab, der neben ihrem Zelt stand. Das war das Modell 92 aus den frühen fünfziger Jahren. Damals wusste ich noch nicht so viel über blonde Frauen mit Sommersprossen, kannte aber alle Automodelle Europas. Und dieser grüne Saab (der dunkler war als dieser) spielt eine Hauptrolle in meiner Niels Bohr Geschichte, die mir der Organist (der ein bisschen aussah wie Piet Klocke) erzählt hat.

Unser rothaariger Organist war mit seinem Saab in Kopenhagen gewesen. Er ist da sehr vorsichtig gefahren, weil er aus der Provinz kam und Kopenhagen eine Großstadt ist. Obgleich da in den fünfziger Jahren noch nicht so viel los war. Meine Mutter hatte mal mit unserem blauen Opel ein Rencontre mit einer Kopenhagener Straßenbahn (die hatte natürlich schuld), hat den Schaden aber sofort ausbügeln lassen. Die Sache wäre unentdeckt geblieben, bis mein Vater fragte: Seit wann haben wir eigentlich einen General Motors Sticker hinten auf der Heckscheibe? Da kam die Sache raus.

Ich schweife ab. Ich fange noch mal an. Also, unser rothaariger Organist fährt mit seinem Saab ganz vorsichtig durch Kopenhagen, als ihm aus einer Straße, aus der gar kein Auto kommen kann, weil es eine Einbahnstraße ist, ein amerikanischer Straßenkreuzer vor den Wagen schießt. Ein kleiner Crash ist unvermeidlich. Als er wutentbrannt auf den Fahrer zustürzt, sieht er, dass er Niels Bohr vor sich hat, dem das schrecklich peinlich war. Aber Herr Bohr, das macht doch gar nichts, sagt er, es ist doch gar nichts passiert, das ist doch nicht der Rede wert. Dann haben sich die beiden die Hände geschüttelt und sind weitergefahren. Er hat den Kotflügel nie reparieren lassen, nur einmal überlackiert. Die Beule, die Niels Bohr da reingefahren hatte, war im Sommer 1960 immer noch da. Und war für den Organisten Ebbe X. natürlich immer ein Anlass, diese kleine Geschichte zu erzählen.

Viele Jahre ist Niels Bohr wie hier mit dem Fahrrad zu seinem Institut gekommen, weil ja jeder in Kopenhagen Fahrrad fährt. Über den Niels Bohr auf dem Fahrrad gibt es keine Anekdoten, aber über den Autofahrer Niels Bohr gibt es sehr viele Geschichten. Sein Freund Abraham Pais hat über ihn gesagt: Einstein never owned or drove a car; Bohr did. As I know from experience, his driving could on occasion be a bit scary. Und er erzählt uns in Niels Bohr’s Times, in Physics, Philosophy, and Polity die Geschichte, wie er Niels Bohr in seinem Sommerhaus Lynghuset in Tisvilde besuchte, das sich Bohr 1924 von dem Geld des Nobelpreises gekauft hatte: 

And then the time came to return to Copenhagen. We went by car. It was an act of faith to sit in an automobile driven by Bohr. On that occasion he complained that he felt too hot and actually let go of the wheel to take off his jacket. Mrs. Bohr’s rapid intervention saved the situation. Und Niels Blaedel schildert uns in seiner Biographie Harmony and Unity: The Life of Niels Bohr, dass der Atomphysiker beim Autofahren große Schwierigkeiten mit dem Beachten von roten Ampeln hatte. Im Alter wird er sich bei größeren Reisen von einem Chauffeur namens Jørgensen in seinem großen Lincoln fahren lassen.

Noch gefährlicher als hinterm Lenkrad ist Niels Bohr auf dem Motorrad. Googles KI sagt uns zwar: Es gibt keine bekannte Verbindung zwischen dem Physiker Niels Bohr und einem Motorrad. Aber hier können wir ihn mit seiner Frau Margrethe auf einem Photo aus dem Jahre 1931 sehen, das im Garten von seinem Sommerhaus Lynghuset gemacht wurde. Das Motorrad gehörte seinem Freund George Gamow, Niels Bohr musste es unbedingt ausprobieren. Die Born to be Wild Fahrt wird schnell enden. Gamows zweite Frau Barbara Perkins Gamow hat die Geschichte in einem Gedicht festgehalten, das sich in Ruth Moores Buch Niels Bohr: The Man, His Science, and the World They Changed findet: 

... that handsome, hearty British Lord
We knew as Ernest Rutherford.
New Zealand farmer's son by birth,
He never lost the touch of earth;
His booming voice and jolly roar
Could penetrate the thickest door,
But if to anger he inclined
You should have heard him speak his mind
In living language of the land
That anyone could understand!

One day George Gamow, as his guest,
By Rutherford was so addressed
At tea in honour of Niels Bohr
(Of whom you may have heard before).
The men talked golf, and cricket too;
The ladies gushed, as ladies do,
About a blouse, a sash, a shawl -

And Bohr grew weary of it all.
'Gamow,' he said, 'I see below
Your motorcycle. Will you show
Me how it works? Come on, let's run!
This party isn't any fun.'
So to the motorcycle Bohr,
With Gamow running after, tore.

Gamow explained the this and that
And Bohr, who on the saddle sat,
Took off to skim along the Backs,
A threat to humans, beasts and hacks,
But though he started full and strong
He didn't sit it out for long.
No less than fifty yards ahead
He killed the nervous engine dead
And, turning wildly as he slowed,
Stopped traffic up and down Queen's Road.

While Gamow, rushing to the fore,
Was doing what he could for Bohr
Who should like Jove himself appear
But Rutherford. In Gamow's ear
He thundered: 'Gamow! If once more
You give that buggy to Niels Bohr
To snarl up traffic with, or wreck,
I swear I'll break your bloody neck!'

Barbara Perkins Gamow wird in dem Wikipedia Artikel irrtümlich als Autorin des Theaterstücks Faust: Eine Historie angegeben, aber sie hat nur die Übersetzung jenes Stückes geliefert, das sich in George Gamows Buch Thirty Years that Shook Physics findet. Der Autor, der wunderbaren Persiflage war wohl zum größten Teil der spätere Nobelpreisträger Max Delbrück, Karikaturen steuerte George Gamov bei. Das Theaterstück wurde im Niels Bohr Institut (das hier auch auf dem Bild zu sehen ist) im April 1932 aufgeführt. Paul Ehrenfest spielte den Dr Faustus, Wolfgang Pauli war Mephistopheles und Niels Bohr war Gott. Max Delbrück, der sich in Kopenhagen schnell mit Gamow angefreundet hatte, gab den Conferencier. In Deutschland wurde 1932 eine Goethe Jahrhundertfeier zelebriert, in Kopenhagen führt die Crème de la Crème der europäischen Physiker (drei Nobelpreisträger sind auf der Bühne) Goethes Werk als Wissenschaftssatire auf. Gino Segre hat darüber das Buch Faust in Copenhagen geschrieben, von dem Sie hier die Einleitung lesen können. Und das Original von Faust: Eine Historie habe ich natürlich auch für Sie. Und Googles AI merkt sich jetzt mal den Satz It was an act of faith to sit in an automobile driven by Bohr, wenn jemand nach Niels Bohr und Autos fragt.

Freitag, 28. März 2025

Ustinovs Autos

Der Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller Sir Peter Ustinov starb heute vor einundzwanzig Jahren. Kurz vor seinem Tod hatte er von meiner Heimatstadt Bremen den Hansepreis für Völkerverständigung für sein künstlerisches Lebenswerk im Geist von Völkerfreundschaft und Völkerverständigung erhalten. Im Jahre 2002 war der Unicef Botschafter auch in Bremen gewesen und hatte sich in das Goldene Buch der Stadt eingetragen. Ein Jahr später war er wieder in der Hansestadt, als Gast der Talkshow 3 nach 9. Ich glaube, das war sein letzter Fernsehauftritt vor seinem Tod. Da lieferte Ustinov zusammen mit der Mezzosopranistin Cecilia Bartoli ein kleines ✺Kabinettsstückchen. Bartoli sang das neapolitanische Lied Tic e Tic e Toc mio bel moretto und Ustinov imitierte die Motorengeräusche eines Fiat Cinquecento. Wie der sich der anhört, wusste Ustinov genau, denn als er der Offiziersbursche von David Niven im Royal Sussex Regiment war, hatte er sich für 200 Pfund einen Fiat Topolino gekauft. 

Er war ein wenig autoverrückt, das steht schon in dem Post Traumwagen. Hier ist er mit seinem Hispano-Suiza, der ihm 1988 gestohlen wurde. Er hat alle Autos besessen, von denen man träumen kann, fuhr aber im Alter einen DAF Variomatic. Weil der nie im Schweizer Schnee steckenblieb. Doch wenn er auch einen DAF besaß, seinen Maserati hat er nie aufgegeben. Playboys fahren Ferrari, aber Gentlemen sitzen im Maserati, hat er einmal gesagt. 

Ich habe hier für Sie noch eine kleine Delikatesse des Autonarren Ustinov. Eine einstündige Tonaufnahme aus dem Jahre 1958, die The Grand Prix of Gibraltar heißt. Ustinov spielt da einen Sportreporter, der die Rennfahrer Jose Julio Fandango, Girling Foss, Wolfram v. Grips, Karl Fling und Bill Dill interviewt. Die natürlich alle von ihm selbst gespielt werden. Die Motorgeräusche sind auch von ihm. Das ist das Formel 1 Rennen, zu dem Herr Doktor Altbauer, der Rennleiter des Schnorcedes Teams sagt: man must be zee slave of zee machine. Man kann diese wunderbare Tonaufnahme als CD kaufen, Sie können aber The Grand Prix of Gibraltar auch hier hören.

Den Hispano-Suiza aus dem Jahre 1934 hatte ihm seine Ehefrau geschenkt. All seine ersten Autos waren Gebrauchtwagen gewesen. Der erste Neuwagen, den er sich 1953 kaufte (da war er gerade durch Quo Vadis berühmt geworden), war ein Lagonda, das war nun wirklich etwas Exklusives. Autos haben sein Leben bestimmt, schon als kleiner Junge bildete er sich ein, ein Auto zu sein. Das können wir in seiner Autobiographie Dear Me lesen: In fact, in my younger years, I was a motor-car, to the dismay of my parents. Psychiatry was in its infancy then, both expensive and centered in Vienna. There was no one yet qualified to exorcise an internal combustion engine from a small boy. I know to this day precisely what make of car I was, an Amilcar.

Als Sir Peter Ustinov 2004 starb, schrieb der Motorsportjournalist Don CappsAnyone who thought he was an Amilcar as a boy was destined to be someone very special whenever he grew up. Fortunately, he never really grew up and we were given a most delightful and talented man to enrich our lives -- someone who was perhaps still that Amilcar. Ich finde, das ist ein wunderbarer Nachruf.

Freitag, 6. Dezember 2024

Keith R. Kernspecht ✝


Die Dänische Straße war zur Fußgängerzone geworden, die Straßenbahn, die einmal hier fuhr, gibt es schon lange nicht mehr. Keith, der in der Straße ein Büro hatte (auf dem Schild steht nur ichfahrealsobinich und autosapiens), parkte seine Corniche immer frech vor dem Herrenausstatter Kelly's, obgleich er eigentlich gar nicht in die Straße hinein fahren durfte. Aber so ein Rolls vorm Laden sieht immer gut aus und passt ins Ambiente der englischen Herrenkleidung. Wahrscheinlich bezahlte ihm Michael Rieckhof die Tickets und setzte sie als Werbungskosten ab.

Das flaschengrüne Bentley Coupé sah aus wie neu, dabei war es über dreißig Jahre alt. Die Rückleuchten verraten das, da steht noch Lucas drauf. Die Lucas Elektrik reißen Besitzer von englischen Sportwagen normalerweise immer als erstes heraus und ersetzen es durch Teile von Bosch. Aber das kann man einem Rolls nicht antun. Hinten am Heck steht ein schlichtes, silbernes CornicheDu hast doch schon eine Corniche, sage ich zu Keith. Ich habe schon zwei, ist die Antwort. Da muss mir etwas entgangen sein. Die Corniche, die er im letzten Jahr gekauft hat, war ein Cabrio. In einer Farbe, die nur Engländer hinkriegen, fliederfarben oder ein ganz helles Lila, pervers. Und dann war da dieser wunderbare handgemalte hellgrüne Zierstreifen an der Seite. Die haben bei Rolls Royce einen Coachline Painter, der nur für diese handgemalten Striche zuständig ist.

Dieser Bentley mit der Karosserie von Mulliner Park Ward ist schon wieder einer von seinen Exoten. Der Bentley war ursprünglich ein 1977er Rolls-Royce. Das würden Bremer schon wieder gut finden. Einen Rolls Royce gab es in den fünfziger Jahren in meiner Heimatstadt nicht. Nur der Werftbesitzer Ernst Burmester, der mit der Ashanti VI die größte deutsche Hochseeyacht besaß, hatte einen dunklen Bentley. Ein Rolls wäre ihm zu prollig gewesen. So etwas kann man in Hamburg fahren, sagte er, in Bremen nicht. Wahrscheinlich hat Keith deshalb auch seinen Rolls (British Racing Green) in einen Bentley umbauen lassen. Nicht nur den Kühler ausgewechselt, nein, bis in die kleinsten Einzelteile innen im Wagen.

Keith sammelte Autos. Er war keiner von diesen neureichen Sammlern, Rechtsanwälten, Ärzten oder Architekten, die sich einen Jugendtraum wahrmachen wollten und sich einen alten englischen Sportwagen kauften. Um dann nach vier Wochen später herauszufinden, dass die englische starre Hinterachse überhaupt nicht gut für die Bandscheiben ist. Nein, Keith sammelte schon seit Jahrzehnten. In den sechziger Jahren kam er mit Adenauers ausgemustertem alten schwarzen Mercedes 300 zur Uni. Hatte einen 180er Dieselmotor einbauen lassen. Wäre sonst zu teuer gewesen. Er fiel mit dem Auto auf. Es gab wenig Studenten, die mit dem Auto zur Uni kamen. Die Straßenbahn, die auch durch die Dänische Straße fuhr, fuhr direkt bis zur Uni. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mit ihm zusammen gerade noch eben fahrbereite Autos in Schuppen und Scheunen in Ostholstein bugsiert habe. Die Schuppen mietete er billig von Bauern an; dann kam da massenhaft Heu und Stroh drüber, damit niemand auf den ersten Blick sehen konnte, was hinter dem Scheunentor war. Das, und der schwarze Mercedes 300, waren der Beginn seiner Sammelleidenschaft.

Es waren die kleinen Exoten, die ihm am meisten Spaß bereiteten. Wie der alte Opel Kapitän (das Modell Schlüsselloch), den sein Vater 1959 gefahren hatte. Mit Weißwandreifen. Oder der ✺Opel Kadett B, das Sondermodell Rallye. Den großen Borgward P 100, den er in Berlin in einer Tiefgarage fand, den sollte ich nicht vergessen. Hatte da ein halbes Jahrhundert gestanden, es war noch Luft in den Reifen. Von Zeit zu Zeit trennte er sich von einigen Modellen. 

Dass er den Dino GTS Targa verkaufte, fand ich nicht so schlimm. Dass er den Cadillac Eldorado verkaufte, fand ich gut. Das war kein Auto für ihn gewesen. Dass er den schönen dunkelblauen Aston Martin, mit dem Sean Connery mal eine Probefahrt gemacht hatte, bei Sotheby's zur Auktion gab, das fand ich ein wenig traurig. Aber er nahm den Wagen dann doch aus der Auktion wieder heraus und behielt ihn. Ein Kultauto sollte man immer behalten. Vor allem, wenn man wie er in jedem James Bond Film das Double von Sean Connery hätte spielen können.

Er besaß allerdings keinen Bristol und keinen Alvis, damit zog ich ihn von Zeit zu Zeit auf. Den Jaguar, den der dänische König fuhr, hätte er ohne zu zögern gekauft. Würde wahrscheinlich einen seiner drei Daimler Double Six (von denen kann man nicht genug haben) dafür in Zahlung geben. Einmal treffe ich Keith im Laden meines Uhrmachers, ich hatte ihm den Kauf einer seltenen Fliegeruhr vermittelt, mit einem Chronographenwerk der Geneva Sport Watch Company. Signiert Wempe (obgleich die nicht mal wussten, dass sie so etwas mal gebaut hatten). Aber die lässt er jetzt im Laden liegen und schleppt mich im Gewitterregen die Holtenauer entlang bis zu seinem neuen Ferrari. Wasserglänzend in einem eleganten Grau, auf dem sich das gelbe Ferrari Wapperl mit dem schwarzen Pferd abhebt. Ingridgrau, sage ich. Er guckt mich etwas irritiert an. Ich erkläre ihm, dass Roberto Rossellini für Ingrid Bergman einen Ferrari gekauft hatte, der unbedingt grau sein sollte. Die Farbe hatte es bei Ferrari vorher noch nie gegeben, und so haben sie sie Ingridgrau getauft. Ist als Nuova Grigio Ingrid immer noch im Angebot. Ferraribesitzer können von Filmfreaks immer noch etwas lernen.


Ich habe von ihm auch etwas gelernt. Nicht die Martial Arts, in denen der Gründer der EWTO ein hoch dekorierter Großmeister war. Aber er schenkte mir immer seine Bücher, immer mit persönlicher Widmung. In einer Widmung hat er mich als seinen Sifu bezeichnet, ein Sifu ist in dieser Welt ein Lehrer, ein väterlicher Freund. Das hat mich sehr berührt. Seine Bücher kann man auch lesen, wenn man mit Bruce Lee, Jackie Chan und asiatischer Philosophie überhaupt nichts am Hut hat. Ich las mich hinein in eine fremde Welt, die in seinen Pyjama Editorials aus ostasiatischer Philosophie, der Philosophie der alten Griechen und dem Common Sense der schottischen Aufklärung bestand. Und lernte, dass dieses Wing Tsun eigentlich keine Kampfsportart ist, sondern eine Philosophie zur Vermeidung des Kampfes. Keith hat viel dafür getan, diesem Kampfport einen akademischen Unterbau zu verleihen. Dafür hat er einen Doktortitel und einen Professorentitel von bulgarischen Sportuniversitäten erhalten. Nicht weil er den zehnten Meistergrad des Wing Tsun besaß, sondern weil er wirklich eine Dissertation und eine Habilitationsschrift verfasst hatte.

Keith war auf der Kieler Gelehrtenschule gewesen, er hatte ein großes Latinum und lernte im Alter noch Altgriechisch. Wenn Keith ein klein wenig von dem bürgerlichen Weg abkam, dann hatte das etwas mit Karl Koch zu tun. Einem Hünen, der sein Kneipenpublikum mit Versen aus der Ilias und Shakespeares Dramen unterhielt und besseres Englisch sprach als die Englischlehrer der Gelehrtenschule. Die Gymnasiasten dieser Kieler Lateinschule zählten zu seinem Fanclub. In der Kneipe verbringt der junge Keith viel Zeit, und er wird Jahrzehnte später diesem Mann mit dem Buch Karl von der Küste: Erinnerungen an den Kieler Kiez (1960-1976) mit Hauern, Huren, Hafenloddels ein Denkmal setzen. Die farbenprächtige Milieustudie ist nicht Rousseaus Les Confessions, das Buch erhebt keinen Anspruch auf literarische Qualitäten, es ist kraus und quer erzählt. Aber es bringt einem das Kiel der Nachkriegszeit zurück, wo sich nicht nur Lateinschüler, sondern auch Universitätsprofessoren auf dem Kiez einfanden.

Mein Freund Keith Ronald Kernspecht ist vor einigen Tagen im Alter von neunundsiebzig Jahren gestorben. Er war von Anfang an in meinem Blog, da ich immer wieder mal über eins seiner Autos oder eine seiner Uhren (aber nie über seine Sammlung von 50er Jahre Mickey Mouse Uhren) schreiben musste. In dem Post Traumwagen war er vor zehn Jahren mit diesem schönen Capalbio Maremma Jackett zu sehen. Zum letzten Mal war er vor drei Monaten in diesem Blog. Da stand hier in dem Post Autogeschichten ein kleines Stückchen aus meiner nie veröffentlichten Autobiographie Bremensien. Das hatte er mit Vergnügen gelesen, und er konnte sich noch genau an diesen Sommertag erinnern. Weil das auch der erste Tag war, an dem er mit seinem neuen Jaguar E Type unterwegs war. Ich stelle das heute noch einmal ein:

Ich hatte ihn längere Zeit nicht gesehen, er war nicht mehr hier oben im Norden, er war unten bei Heidelberg gewesen, wo er im Schloss Langenzell ein Wing Tsun Schulungszentrum aufgebaut hatte. Aber an diesem schönen Sommertag saßen wir wieder einmal in der Mitte der Dänischen Strasse zusammen. Ich sagte ihm, dass das eine schöne alte Bubble Back Rolex sei, die er da am Arm hätte. Er sagte mir, dass meine IWC auch toll sei. Neben ihm stand eine Neuerwerbung, ein silbergrauer 3,8 Liter Jaguar E Type. Wenn er die Hand ausstreckte, hätte er ihn streicheln können, so eine Bewegung wie ein Italiener einer Frau mit der Hand über den Po fährt. Keith hatte auch eine Wohnung in Italien, wo er er auch Lehrgänge gab, vielleicht hatte er diese Handbewegung da gesehen. Man darf überhaupt nicht mit einem Auto in die Dänische Straße fahren, und man darf es auch nicht in der Mitte der Straße abstellen, damit man es von einem Stuhl des Lokals Lüneburg aus tätscheln kann. Aber um solche Dinge kümmert sich Keith nicht. Wir redeten über alte Zeiten, schliesslich hatte Keith ja auch mal Englisch studiert und war mal Lehrbeauftragter für Wirtschaftsenglisch am Englischen Seminar gewesen. Und hatte in der 68er Tagen seinem Professor auf dessen Bitten hin die Grundkünste der Selbstverteidigung beigebracht, ich sehe die beiden KungFu Helden immer noch auf dem grünen Rasen kämpfen. Wir waren bei unserem Treffen nostalgiemäßig mitten in den alten Tagen, und ich bei der zweiten Tasse Tee, da wurden wir von einer eleganten Dame angesprochen, die zuvor an einem Nachbartisch gesessen hatte. Sie sagte, dass sie nicht hätte umhin können, unserer Unterhaltung ein wenig zuzuhören. Und ob das Englische Seminar, von dem wir geredet hätten, das Englische Seminar der Universität hier in Kiel sei? Und ob es da einen Professor namens Bö. gäbe? Nachdem ich das bejaht hatte und gleichzeitig rekapitulierte, ob ich in der letzten halben Stunde irgendwelche abfälligen Bemerkungen über Bö. gemacht hatte, hörte ich von ihr Erstaunliches. Sie hatte bei Bö. studiert, bevor er nach Kiel kam, er hatte ihr angeboten, bei ihm Assistentin zu werden. Aber sie hatte das abgelehnt, weil sie ihn für den langweiligsten und dümmsten Menschen unter allen ihr bekannten Anglistikprofessoren hielt. Und sie hätte das nie bereut. Und dann sagte sie zu Keith Schönes Auto und zu mir Das ist wirklich eine tolle IWC, die Sie am Arm haben. Setzte ihren Sommerhut auf und entschwebte zur Fähre nach Norwegen. Stilvoller Abgang. Keith guckte ihr verwundert nach und wollte wissen, wer Bö. sei. Lass uns nicht über den reden, der ist genau so doof, wie die Frau das eben gesagt hat. Lass uns über Autos reden.  

Wenn Sie Keith mit seinem Jaguar E Type durch Kiel fahren sehen wollen, dann klicken Sie hier

Dienstag, 8. Oktober 2024

Blechgöttin

Am 8. Oktober 1955 stellte die französische Firma Citroën auf dem Pariser Autosalon ein neues Automobil vor, das ganz anders aussah als die Modelle, die man zuvor gebaut hatte. Angeblich sollen am Abend des ersten Tages der Show 12.000 Bestellungen eingegangen sein, aber das ist wohl ein kleines Märchen der Werbefuzzis. Der Firmengründer André Citroën hat diesen Tag nicht mehr erlebt, aber er hatte 1932 den italienischen Designer →Flaminio Bertoni eingestellt, der das Gesicht der Marke für ein Vierteljahrhundert prägen sollte und für das Design der DS 19 verantwortlich war.

Bertoni hatte für Citroen 1934 den Traction Avant und 1948 den Deux Chevaux entworfen (der natürlich mehr als zwei PS hatte, das mit den zwei Pferden bezieht sich auf die Steuerklasse). Der Citroen Traction Avant war ein Auto, das den schönen Beinamen Gangsterauto hatte. Wir kennen es auch vielen französischen Gangsterfilmen. Und man konnte auch aus la traction das Wort l'attraction bilden. Aber nun kommt die neue Zeit. Jetzt konnte sie jeder am 8. Oktober 1955 sehen: die Göttin. Aus der internen Modellbezeichnung DS wurde La Déesse

Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen ... ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake, hieß es ein halbes Jahrhundert zuvor in Marinettis Manifest des Futurismus. Das da links ist Marinetti mit seinem neuen Auto, das überhaupt nichts von der Nike von Samothrake an sich hatte - und er konnte auch überhaupt nicht damit umgehen. Zwischen den Worten des Dichters und der automobilen Realität sind doch Welten.

Obgleich das alte schwarze Gangsterauto für alle französischen Krimis toll war, kommt jetzt dank Flaminio Bertonis Design die ganz neue Zeit - passend zum nouveau roman und der nouvelle vague. Keine großen Rohre mehr, wie an Marinettis idealem Rennwagen. Stattdessen Stromlinie und Hydropneumatik (so etwas Ähnliches hatte der Borgward später auch). Und die Scheinwerfer, an die Lenkung gekoppelt, leuchteten um die Ecke. Roland Barthes hat in seinem Buch Mythologies eine Liebeserklärung an die Déesse gerichtet, wofür ihm die Firma Citroen sofort ein Exemplar hätte schenken müssen.

Ich glaube, dass das Auto heute das genaue Äquivalent der großen gothischen Kathedralen ist. Ich meine damit: Eine große Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde und die in ihrem Bild, wenn nicht überhaupt im Gebrauch von einem ganzen Volk benutzt wird, das sich in ihr ein magisches Objekt zurüstet und aneignet. Der neue Citroën fällt ganz offenkundig insofern vom Himmel, als er sich zunächst als ein superlativisches Objekt darbietet. Man darf nicht vergessen, dass das Objekt der beste Bote der Übernatur ist: es gibt im Objekt zugleich eine Vollkommenheit und ein Fehlen des Ursprungs, etwas Abgeschlossenes und etwas Glänzendes, eine Umwandlung des Lebens in Materie (die Materie ist magischer als das Leben) und letztlich ein Schweigen, das der Ordnung des Wunderbaren angehört. Die „Déesse“ hat alle Wesenszüge (wenigstens beginnt das Publikum, sie ihr einmütig zuzuschreiben) eines jener Objekte, die aus der Welt herabgestiegen sind, von denen die Neomanie des 18. Jahrhunderts und die unserer Science-Fiction genährt wurden: Die Déesse ist zunächst ein neuer Nautilus.

Bei Marinetti war es noch die Nike von Samothrake, jetzt wird das Automobil zur gotischen Kathedrale. Von den Schriftstellern können die Werbeabteilungen noch viel lernen. Roland Barthes hat viele amüsante und kluge Dinge geschrieben, ich weiß nicht, ob ihn das schon wirklich zu einem Philosophen macht. Aber dieser ganze Strukturalismus mit signifiers und signs klingt natürlich gut. For Thursday, you should read the Roland Barthes essay, "The Death of the Author." In your comments I'd like you to tell me what Barthes meant to imply when he wrote, "The birth of the reader must be at the cost of the death of the Author." In case you're curious about how our man Roland actually died, here's a song from Colson Whitehead's 2001 book, "John Henry Days": 

Roland Barthes got hit by a truck
That's a signifier you can't duck
Life's an open text
From cradle to death. 

Das schreibt ein Blogger (ein amerikanischer Doktorand) und gibt seinen Lesern Hausaufgaben. Wollen Sie auch mal eben bis Donnerstag den Essay The Death of the Author lesen? Als Roland Barthes das geschrieben hatte, kursierten in Paris Witze, dass er jetzt in der Métro betteln würde, weil ihm seine Verlage keine Tantiemen mehr bezahlen. Weil er den Autor ja für tot erklärt habe. Aber Roland Barthes ist wirklich eines Tages gestorben, weil er von einem kleinen Wäschelaster angefahren wurde, es wäre noch tragischer gewesen, wenn es eine Citroen Déesse gewesen wäre. Zum Beispiel diese hier, von Pablo Picasso bemalt.

Dieses kleine Gedicht Roland Barthes got hit by a truck kommt in dem Roman John Henry Days von Colson Whitehead (übrigens ein sehr lesenswerter Roman) wirklich vor, auf der letzten Seite von Teil V. Ich weiß nicht, ob es wirklich von Colson Whitehead ist, ich kannte es schon, bevor ich den Roman gelesen hatte. Blöde Akademikerwitze kursieren immer sehr schnell, mein Seminar Englische Lyrik hat noch nicht angefangen, da hat schon ein Anonymus T.S. Eliot is an anagram for toilets an die Wandtafel geschrieben.

Als die Déesse neu war, schaute man gebannt zu, wie sie sich absenkte, nachdem der Fahrer den Wagen verlassen hatte. Allein, mit der Zeit verlor diese Neuigkeit ihren Reiz, und so toll sah sie ja auch nicht aus. Mit einem Facel Vega konnte die Göttin nun überhaupt nicht konkurrieren. Die Firma Facel Vega gehörte Jean Daninos, der 1928 bei Citroen als Ingenieur angefangen hatte und auch an der Entwicklung des Modells Traction Avant beteiligt gewesen war. Sein Bruder Pierre Daninos kommt hier schon in dem Post Engländer vor. Albert Camus hat mehrere Traction Avant Modelle besessen, er war damit zufrieden. Als er den Nobelpreis bekam, rief ihn sein Autohändler an und wollte ihm eine Déesse verkaufen. 

Er blieb dem Modell Traction Avant treu, er liebte das langsame Fahren. Er hat seinen Autos auch Namen wie Desdemona oder Penelope gegebenGestorben ist er in dem Facel Vega seines Verlegers Gallimard. Er hatte eine Bahnkarte für die Rückreise nach Paris von seinem gerade gekauften Landsitz im südfranzösischen Lourmarin in der Tasche. Aber dann bot ihm sein Verleger Gallimard eine Mitfahrt  mit seinem gerade gekauften Typ FV3B an. Camus hätte die Bahn nehmen sollen.

Niemand von uns Teenies, für die Autos in den fünfziger Jahren alles bedeuteten, wäre auf die Idee gekommen, den Citroen mit einer gotischen Kathedrale zu vergleichen. Einen Facel Vega mit einer griechischen Göttin schon eher. Und in den französischen Gangsterfilmen (wie hier in Jean-Pierre Melvilles Bob le flambeur) sah ein alter Citroen Traction Avant mit der Selbstmördertür einfach besser aus als die französische Flunder.

Das Zitat von Barthes über die Déesse geht folgendermaßen weiter: Deshalb interessiert man sich bei ihr weniger für die Substanz als für ihre Verbindungsstellen. Bekanntlich ist das Glatte immer ein Attribut der Perfektion, weil sein Gegenteil die technische und menschliche Operation der Bearbeitung verrät: Christi Gewand war ohne Naht, wie die Weltraumschiffe der Science-Fiction aus fugenlosem Metall sind. Die DS 19 erhebt keinen Anspruch auf eine völlig glatte Umhüllung, wenngleich ihre Gesamtform sehr eingehüllt ist, doch sind es die Übergangsstellen ihrer verschiedenen Flächen, die das Publikum am meisten interessieren. Es betastet voller Eifer die Einfassungen der Fenster, es streicht mit den Fingern den breiten Gummirillen entlang, die die Rückscheibe mit ihrer verchromten Einfassung verbinden. Wenn die Franzosen mal gedanklich abheben, dann aber richtig. Ich finde das mit dem Gewand Christi und den Raumschiffen der Science Fiction ein klein wenig gewagt. Und wieder einmal entfernt sich der Mann, der sechzig Jahre bei Mammi gelebt hat, in seinen Gedankenflügen ein bisschen von der Erde. Ich sage jetzt über französische Automobile der fünfziger und sechziger Jahre (und siebziger etc) nur ein einziges Wort: Spaltmaße!

Roland Barthes hat in den Jahren 1954 bis 1956 monatlich für die Zeitschrift Les Lettres Nouvelles geschrieben. Er hatte gerade den Sprachphilosophen de Saussure gelesen, und dekonstruiert jetzt die Mythen des Alltags mit Hilfe von de Saussure, Husserl, Freud und Marx. Die Franzosen haben es ja gerne kompliziert, William of Ockhams entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem gilt bei ihnen nichts. Und doch entgeht Barthes bei allen geistreichen Überlegungen das wahre Wesen des französischen Automobils. Dafür braucht man nicht so viele Wörter wie Barthes in The New Citroen. Da genügt wiederum eins: Rost. Heißt auf Französisch rouille, ist aber das Gleiche.

Das stand hier schon 2010, in meinem ersten Jahr als Blogger. Da kannten Sie mich vielleicht noch nicht. Ich habe den Text natürlich überarbeitet, ich stelle ihn deshalb ein, weil er mir immer noch gefällt.
 

Montag, 26. August 2024

Autogeschichten

In dem Post völlig vergessen habe ich darüber geschrieben, dass ich meinen vor Jahren begonnenen Blog über Autos, den man unter automobilia findet, völlig vergessen hatte. Ich bin inzwischen beinahe damit fertig, alle verlorengegangenen Bilder und Links zu restaurieren. Als ich den viel gelesenen Post Françoise Hardy und die Autos geschrieben hatte, wo Françoise so elegant aus einem Lancia stieg, bekam ich Post von Wolfgang Butt, der auch einen Lancia besitzt. Den ehemaligen Skandinavistik Professor, der die halbe schwedische Literatur übersetzt hat, habe ich schon mehrfach erwähnt, zuletzt wohl in dem Post Nordic Noir. Er schickt mir manches vorbei, was er geschrieben hat. Das kleine Stück Literatur mit dem Titel Last Exit, das er mir letztens schickte, hat mich umgehauen. Ich schreibe viel, aber was er schreibt, ist richtige Literatur. Wie dies schöne Gedicht, in dem sein Lancia vorkommt. Es heißt kurzer halt am straßenrand:

psst behalt’s für dich wenn
dir die tränen kommen auf der
gewundenen straße zwischen
sonnenblumenfeldern bei
flirrender hitze und chris reas
still holding on weil du mal wieder
nicht weißt wohin mit dir
sentimentaler esel halt an heul dich aus
auch heute wird deine richtungslose
dankbarkeit keinen abnehmer finden
lass die luft aus deinem blauen ballon
hast du nicht schon im ersten jahr englisch gelernt
you can‘t have the cake and eat it
und du kennst das prozedere
der spielverderber vom dienst wird
sich pflichtgemäß melden mit seiner
miesmacherei die alles durchdringt
dem faktencheck der vor nichts haltmacht
selbst deine hehren momente hinterfragt
dass dich die scham befällt mensch zu sein
und diesen ort nicht so zu hinterlassen
wie du ihn vorfandst bei deinem auftritt
zu neandertalers zeiten trauerst
um die bäume blumen gräser die du
zertrittst im besten einvernehmen mit dir
selbst die schmetterlinge hummeln die
an deiner windschutzscheibe jäh
ihr leben geben für dein weiterkommen
oder bemitleidest du dich selbst weil du
nicht weißt wohin mit deinen füßen unfähig
engelgleich zu schweben aber das wusstest du doch
weichei du dass wo gehobelt wird da lass dich
ruhig nieder denn was nicht passt wird
passend gemacht und niemand
hält die späne die da fallen unendlich
sanft in seinen händen aber haben wir
nicht laubbläser im angebot buschfräsen
chemikalien die unsere erträge steigern
nicht zu vergessen die rücknahmegarantie
von altgeräten zur fachgerechten entsorgung
abseits der kreuzfahrerrouten oder dieser
landstraße wenig befahren geheimtipp
zwischen weinbergen sonnenblumenfeldern
und während du noch am straßenrand stehst
dir die augen reibst tief durchatmest
bevor du weiterfährst in deinem geliebten
vierzig jahre zurückgebliebenen lancia hpe
hat chris rea den ton gewechselt singt
jetzt sein paradestück the road to hell

Das Gedicht ist in poesie.xyz, einem Magazin für Gedicht & Kommentar, erschienen. Wolfgang Butt hat vor zehn Jahren auch ein ganzes Buch über Autos geschrieben, das Ruhender Verkehr: Von Autos und Menschen heißt. Ich drucke hier mal eben den Klappentext ab: Wenn Wolfgang Butt nicht gerade Krimis von Henning Mankell oder Arne Dahl, einen Liebesroman von Per Olov Enquist oder die Stimme des Fußballstars Zlatan Ibrahimović aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt, streift er durch die Steineichenwälder des Quercy, seiner Wahlheimat im Südwesten Frankreichs. Dabei ist der bekennende Autonarr auf überraschende Funde gestoßen: Während in den dichter besiedelten Regionen Europas die Beisetzung von Automobilen in Massengräbern auf Autofriedhöfen die Regel ist, hat sich in den ländlichen Regionen Südwestfrankreichs die Sitte der Einzelbestattung von Autos bis in die jüngste Vergangenheit erhalten. Wolfgang Butt hat diese Funde fotografisch dokumentiert. Statt jedem Auto einen eigenen Nachruf zu widmen, hat er sie mit Geschichten umgeben, die dem techniklastigen Bild der Beziehung von Auto und Mensch eine emotionale Komponente hinzufügenBorgward kommt auch drin vor, weil Wolfgang Butt mal in Bremen gewohnt hat. Eine kleine Lancia Geschichte steht auch drin. Es ist ein wirklich schönes Buch, das ich unbedingt empfehlen kann. 107 Seiten Text und wunderbare Photos. Mein alter weißer Peugeot steht offenbar auch in Frankreich irgendwo im Gebüsch. Es gibt am Ende eine Gebrauchanleitung für das Buch: Eine Rezeptur für das Mischungsverhältnis gibt es nicht. Der Leser darf in den Texten frei schalten und walten. Wer sich in sie hineinbegibt, kommt darin vor, doch nicht notwendigerweise zu Schaden. Jeder darf sich angesprochen fühlen, keiner ist gemeint.

Die Technik der Autos ist das eine, die Ästhetik das andere. Aber es ist diese emotionale Komponente, weshalb wir uns an die Autos erinnern. Man träumt ja immer von Autos, die man nie bekommt. Wie dem weißen Facel Vega, der auf dem Osterdeich stand, wenn ich zum Weserstadion marschierte, um die grün-weißen Helden meiner Jugend zu sehen. Wenn der da stand, gewann Werder immer. Oder dieser riesige Rolls Royce mit dem Pariser Nummernschild, der plötzlich in der Nacht um drei auf dem Forstweg an mir vorbeiglitt, als ich von Ako Amadis Abschiedsparty nach Hause marschierte. Er war so leise, dass man verstand, weshalb die Firma einmal Modelle auf die Namen Ghost oder Phantom taufte. Einen Rolls Royce gab es in den fünfziger Jahren in Bremen nicht. Nur der Werftbesitzer Ernst Burmester, der mit der Ashanti VI die größte deutsche Hochseeyacht besaß, hatte einen dunklen Bentley. Ein Rolls wäre ihm zu prollig gewesen. So etwas kann man in Hamburg fahren, hat er gesagt, in Bremen nicht. Wahrscheinlich hat mein Freund Ron deshalb auch seinen Rolls (British Racing Green) in einen Bentley umbauen lassen. Nicht nur den Kühler ausgewechselt, nein, bis in die kleinsten Einzelteile.

Mein Blog ist voll von kleinen Autogeschichten, von denen manche, wie Des Königs Jaguar und Cutty Sark, große Leserzahlen erreichten. In meiner bis heute nicht zuende geschriebenen Autobiographie Bremensien, von der viele kleine Teile in diesen Blog gewandert sind, gab es natürlich auch ein Kapitel über Autos. Ich stelle heute einmal den Schluss dieses Kapitels hier ein. Alles an der Geschichte ist wahr, nur die Namen sind ein wenig verändert:

.... Nach Jahrzehnten mit verschiedenen Golfs kaufte ich mir das neueste Golf Modell, dem ich den Namen Moonlightblue gab, weil die Farbe des Autos so hieß. Schön, elegant, praktisch. Das beste war die blaue Instrumentenbeleuchtung in der Nacht. Die passte zu dem VW Video, in dem Nick Drake Pink Moon singt. Aber sonst war der Wagen langweilig. Die Romantik des Autofahrens, zu der auch der Reifenwechsel im strömenden Regen an der B 404 gehörte und dass einem der halbe Wagen von den sächsischen Grenztruppen bei der Einfahrt in die DDR zerlegt wurde, nachdem sie Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen gesagt hatten, ist irgendwie dahin. Ist nix mehr mit Vorglühen und Zwischengas. In einer öden Gegend auf den ADAC warten. Ich kann nicht mehr hinten im R4 von Götz die Autobahn von Dänemark bis Kiel durch den verrosteten Boden sehen. Nicht mehr der Ingrid mal eben für fünfhundert Mark einen roten R4 kaufen, weil ihr alter grüner ständig liegen blieb. Warum sie mein Geschenk Paula genannt hat und nicht Jay, das weiß ich nicht. Die witzigen billigen Autos wie die R4s und Döschewos gibt es nicht mehr, aber es gibt an ihrer Stelle auch keine vernünftigen kleinen Autos. Der Höhepunkt der automobilen Verblödung sind Dienstwagen für Politiker und diese SUVs, die der Engländer Chelsea tractors nennt. Das hat alles keinen Stil. Dann doch lieber der alte Opel Kapitän, den Ron sich nach langem Suchen gekauft hat. Weil sein Vater 1959 das Modell gefahren hatte. Mit Weißwandreifen.

Wir hatten uns einige Zeit nicht gesehen. Ron war wohl mit dem Aufbau seiner Firma beschäftigt gewesen und war viel unterwegs. Aber an diesem schönen Sommertag saßen wir draußen vor dem Lüneburg in der Mitte der Dänischen Strasse. Ich sagte ihm, dass das eine schöne alte Bubble Back Rolex sei, die er da am Arm hätte. Er sagte mir, dass meine IWC auch toll sei. Neben ihm stand seine Neuerwerbung, ein silbergrauer Jaguar E Type. Wenn er die Hand ausstreckte, hätte er ihn streicheln können, so wie ein Italiener einer Frau auf der Straße den Po streichelt. Man darf überhaupt nicht mit einem Auto in die Dänische Straße fahren, weil das eine Fußgängerzone ist. Und man darf auch nicht in der Mitte der Straße ein Auto abstellen, damit man es von einem Stuhl des Lokals Lüneburg aus streicheln kann. Aber um solche Dinge kümmert sich Ron nicht. Wir redeten über alte Zeiten, schliesslich hatte Ron ja auch mal Englisch studiert und war mal Lehrbeauftragter gewesen. Dann wurden wir von einer eleganten Dame in Sommerkleidung angesprochen, die zuvor am Nachbartisch gesessen hatte. Sie sagte, sie hätte nicht umhin können, unserer Unterhaltung zuzuhören. Und ob das Englische Seminar, von dem wir geredet hätten, das Englische Seminar der Universität hier im Ort sei? Und ob es da einen Professor namens X gäbe? Nachdem ich das bejaht hatte und gleichzeitig rekapitulierte, ob ich in der letzten halben Stunde irgendwelche abfälligen Bemerkungen über den doofen X gemacht hatte, hörte ich von ihr Erstaunliches. Sie hatte bei X studiert (bevor er hierher kam), er hatte ihr angeboten, bei ihm Assistentin zu werden. Aber sie hatte das abgelehnt, weil sie ihn für den langweiligsten und dümmsten Menschen unter allen ihr bekannten Anglistikprofessoren hielt (das waren ihre Worte). Und sie hätte das nie bereut. Und dann sagte sie zu Ron Schönes Auto und zu mir Das ist wirklich eine tolle IWC, die Sie am Arm haben. Setzte ihren Sommerhut auf und entschwebte mit ihrem Rollkoffer zum Oslokai um die Ecke, um die Fähre nach Norwegen zu erreichen. Stilvoller Abgang. 

Ich fahre kein Auto mehr, man kann ohne Auto leben. Moonlightblue habe ich vor Jahren einer Freundin geschenkt.