Mittwoch, 30. April 2014

Aimez-vous Brahms?


Wenn man heute den Namen Anthony Perkins (der heute vor achtzig Jahren geboren wurde) hört, dann denkt man natürlich sofort an Hitchcocks Psycho. Und dann läuft vor unserem inneren Auge gleich die Szene mit der Dusche ab. Aber mein Anthony Perkins war vor einem halben Jahrhundert ein anderer. Das war der schlanke schüchterne Mann, der in der Bar Diahann Carroll einen Whisky spendiert. Und sie fragt, was die Liebe ist. Denn er ist unsterblich verliebt in Ingrid Bergman, die ein wenig älter ist als er. Ein solches Thema war damals ein wenig risqué, heute würde das ja niemanden mehr aufregen.

Die literarische Vorlage für den Film stammte von Françoise Sagan, die Jahre zuvor durch ihren Roman Bonjour Tristesse berühmt (oder sollte man sagen berüchtigt?) geworden war. Es war einer der vielen französischen Literaturskandale, die französische Literatur lebt ja irgendwie von Skandalen. Ein halbes Jahrhundert später würde sich kaum jemand über die sexuelle Freizügigkeit des Jahres 1954 echauffieren, auf jeden Fall nicht in Paris. 

Für den Film Aimez-vous Brahms? war natürlich die Problematik ein wenig abgemildert, weil man das Ganze ja in Amerika verkaufen musste. Es war eine Hochglanzproduktion, alles war bestens besetzt, die Filmmusik von Georges Auric war erstklassig. Irgendwie hatte man bei Fahrstuhl zum Schafott etwas abgeguckt (allerdings ohne die Morde): viel Paris, viel Jazz, schöne Menschen, elegante Klamotten. Und schöne Autos, Yves Montand fährt einen Facel Vega, Anthony Perkins einen Triumph Sportwagen TR3 (mein Bruder hatte mal einen TR4, aus Kalifornien importiert, nach Jahrzehnten immer noch ohne Rost).

Aimez-vous Brahms? war für mich damals der perfekte Identifikationsfilm. Ich arbeitete daran, so auszusehen wie Anthony Perkins. Die Pullover und die Hemden hatte ich schon, die breiten Schultern noch nicht. Dann musste man noch schöne Frauen haben wie Yves Montand. Daran arbeitete ich auch. Und man brauchte natürlich ein englisches Cabrio, in dem Punkt haperte es bei meiner neuen Identität etwas.

Wie Paris aussah, wusste ich, da war ich schon einmal gewesen. Und seit Ende der fünfziger Jahre versäumte ich keinen französischen Film. Als erstes kaufte ich mir nach dem Kinobesuch eine Diahann Carroll Platte. Dann wünschte ich mir zu Weihnachten diese fette Brahms LP-Cassette der Deutschen Grammophon. War vorne Karajan drauf, nicht Brahms, damals war Karajan wichtiger als alles andere. Meine Karajan-Brahms Cassette (Editionsnummer 074) habe ich immer noch, und die Symphonie No. III (die immer wieder im Film vorkommt) kann ich heute noch dirigieren. Auf dem Photo des Covers trug Karajan einen zweireihigen gelben Lamamantel. So ein Teil hatte ich auch, bei Hans Kalich in der Böttcherstraße gekauft. War von der Firma Tiger of Sweden, die damals noch Luxuskleidung produzierte und nicht das modische Billigzeug wie heute, the Times They Are a-Changin’.

Was ich damals im Kino nicht merkte, Anthony Perkins singt auch in diesem Film Quand Tu Dors Pres De Moi, wieder zu der Melodie von Brahms Dritter Symphonie (Yves Montand hat das später auch auf einer Platte gesungen). Der Text dieses Liedes war von Françoise Sagan extra für den Film geschrieben worden. Ich wusste damals auch nicht, dass Anthony Perkins vor seiner Schauspielerlaufbahn Schlagersänger gewesen war. Das war auch gut so, dass ich das nicht wusste, es hätte meine jugendliche Identifikationsbildung erheblich gestört. Zum einen konnte ich Schlagersänger damals genau so wenig ausstehen wie heute, zum anderen: wenn es jemanden gibt, der nicht singen kann, dann bin ich das.

Diese junge Frau spielt nicht in Aimez-vous Brahms? mit, das Bild ist aus einer anderen Françoise Sagan Verfilmung, die Bonjour Tristesse heißt. Fand man damals toll. Und jugendgefährdend. Dass der Film so gute Kritiken bekommen hatte, hat mich immer gewundert. Ich habe ihn nur wegen Jean Seberg gesehen (und weil Juliette Gréco im Film sang). Erstaunlich bleibt, dass die Franzosen die Verfilmung der beiden Romane von Françoise Sagan den Amerikanern überlassen haben. Paris gehört jetzt den Amerikanern, nicht erst seit Ernest Hemingway die Hotelbar vom Ritz befreit hat. Nicht erst seit dem Film An American in Paris und all den amerikanischen Jazzmusikern, die jetzt in Paris sind (wie man es in Taverniers Film Round Midnight sehen kann). Und nun schickten sie auch noch ihre Schauspielerinnen nach Paris. Erst Audrey Hepburn, die in Funny Face Bonjour Paree singt, und nun kommt Jean Seberg. Wenig später war  Seberg in A bout de souffle zu sehen, da hatte die Nouvelle Vague begonnen. Wenn französische Filme für einen immer noch stilbildend sein sollten, musste man sich jetzt umstellen. Ich hielt mich an Truffaut, da gab es immer Eleganz und schöne Frauen, was braucht man mehr?

Ein Gedicht natürlich. Das fällt mir leicht. Françoise Sagan hat ihren Romantitel Bonjour Tristesse bei Paul Éluard gefunden; da zitieren wir doch mal das Original, das À peine défigurée heißt:

Adieu tristesse,
Bonjour tristesse.
Tu es inscrite dans les lignes du plafond.
Tu es inscrite dans les yeux que j'aime
Tu n'es pas tout à fait la misère,
Car les lèvres les plus pauvres te dénoncent
Par un sourire.
Bonjour tristesse.
Amour des corps aimables.
Puissance de l'amour
Dont l'amabilité surgit
Comme un monstre sans corps.
Tête désappointée.
Tristesse, beau visage.

Derby


Vor 231 Jahren wurde in England das erste Derby ausgetragen. Da haben zwei adlige Gentlemen eine Münze geworfen, nach dem Sieger sollte das Rennen heißen. Wir wissen alle, dass Edward Smith-Stanley, der 12. Earl of Derby, gewonnen hat. Von Pferderennen und dem Wetten auf den Sieger sind die Engländer ja noch immer begeistert (wenn keine Pferde da sind, tun es auch rennende Hunde). Und das Derby (das die Engländer ˈdɑrbɪ aussprechen, nur die Amerikaner und die Deutschen sagen dörrbi) in Epsom gibt es immer noch. Das Pferderennen in Ascot gilt allerdings als ein größerer gesellschaftlicher Höhepunkt. Obgleich der Triumph seines Pferdes beim Derby der Höhepunkt für Lord Rosebery war. 1869 hatte man ihn in Oxford rausgeschmissen, weil er sich mehr für Pferde als für sein Studium interessierte. Damals schwor er sich, mit einem seiner Pferde das Derby zu gewinnen, eine reiche Erbin zu heiraten und englischer Premierminister zu werden. Das sind gute Vorsätze eines ehemaligen Oxfordstudenten. Er heiratete Hannah de Rothschild (die reichste Frau Englands), wurde Premierminister und gewann das Derby dreimal. Mehr kann ein Engländer im Leben nicht erreichen.

Bei beiden Veranstaltungen können Sie natürlich den morning coat tragen, aber es sollte jetzt ein grauer Zylinder sein, den man dazu trägt. Wenn die Königin in ihrer Kutsche vorbeifährt, wird der natürlich abgenommen. Die Königin Victoria ist in Ascot einmal ausgebuht worden. Das war 1839 auf dem Höhepunkt der Flora Hastings Affäre. Die junge Königin hatte ihre Hofdame verdächtigt, schwanger zu sein. Dabei war die mit Leberkrebs todkrank. Dahinter steckte eine Intrige von Victorias besten Freundinnen, der Baronin Lehzen (die Victoria aus Coburg mitgebracht hatte) und der Marquise von Tavistock (die den afternoon tea erfunden hat). Selbst als die arme Lady Flora Hastings im Sterben lag, hat sich Victoria kaltherzig gezeigt. Da wird man dann auch schon mal in Ascot ausgebuht.

Aber auch beim Derby in Epsom hat es einen Skandal gegeben. 1913 warf sich die Suffragette Emily Davison auf der Rennbahn unter das Pferd des Königs. Mehrere Pfarrer fanden das so unsportlich, dass sie ihr ein kirchliches Begräbnis verweigerten. Dem Jockey war nichts passiert, aber das Ereignis hat ihn gezeichnet. Beim Tod der Suffragette Emmeline Pankhurst legte er einen Kranz auf das Grab to do honour to the memory of Mrs Pankhurst and Miss Emily Davison.

Die Queen Mom liebte das Derby. Ist da auch niemals ausgebuht worden. Süffelte immer einen Pink Gin, egal ob ihr Pferd gewann oder nicht. Wenn man das tut, wird man auch hundert Jahre alt. Sie las auch immer die Krimis, die ihr ehemaliger Jockey Dick Francis ihr verehrte. Als ich über Dick Francis schrieb, habe ich ja schon bekannt, dass ich keine Pferde mag. Die mögen mich einfach nicht.

Mein Vater mochte Pferde, vor dem Krieg ist er gerne geritten. Steht sogar in seinem Wehrpass: Reiter. Als ich klein war, hat er mich zu allen möglichen Pferdeschauen mitgeschleppt. Dank des Pferdeliebhabers Walther J. Jacobs (von Jacobs Kaffee) gab es in Bremen in der Vahr auch eine Galopprennbahn. Die gab es natürlich schon länger, der Bremer Rennverein datiert von 1857, aber nach dem Krieg wäre das ohne das Mäzenatentum von Jacobs mit dem Galopprennsport wohl nichts geworden. Heute heißen da noch Pferderennen und Preise nach Walther J. Jacobs. Nach seinem Sohn heißt eine ganze Universität Jacobs University in Bremen-Grohn. Musste natürlich ein englischer Name sein, weil man ja so international ist. Vorher war das eine ganz piefige Bundeswehrkaserne, davor eine Wehrmachtskaserne. Helmut Schmidt hat da die schönste Zeit seines Krieges verbracht. Und letztens hat mir ein pensionierter Oberst erzählt, dass er in Bremen-Grohn 1957 seinen Dienst begonnen habe: Die mochten uns da in Vegesack überhaupt nicht, die haben uns immer angepöbelt. Eines nachts, als ich auf dem Weg in die Kaserne war, haben mich drei große Kerle angegriffen und hin- und hergeschüttelt. Und einer hat gebrüllt: Ihr seid doch die teuersten Arbeitslosen der Bundesrepublik Deutschland. Ja, die Gegend ist da in Grohn nicht so fein. Aber jetzt wird sie natürlich von der Jacobs University geadelt.

Die Vahr ist ja ebenso wie Grohn ein Stadtteil, den die Bremer sonst eher meiden, gilt auch nicht als fein. Da hilft es auch nicht, dass das höchste Hochhaus der Gegend von Alvar Aalto entworfen wurde und unter Denkmalschutz steht. Aber die Vahr ist wegen der Pferderennbahn berühmt geworden. Auch sozusagen von Jacobs geadelt. Sind beim Kaffeehandel doch immer Verdienstspannen drin gewesen. Ich weiß gar nicht, warum man von den hanseatischen Kaufleuten immer von den Pfeffersäcken redet, Kaffeesäcke sollten die heißen. Ansonsten gibt es über die Vahr nicht so viel zu sagen. Außer dass hier der Borgward Traumwagen 1955 sein Ende an einem Baum fand. Am Lenkrad der Oberingenieur Fritz Hattesohl, neben ihm der Konstrukteur Erich Übelacker. Den beiden ist nichts passiert, aber das einzige Exemplar dieses bizarren Autos (Kennzeichen AE 21-0310), das in jedem Science Fiction Film eine Zierde gewesen wäre, war Schrott.

In neuerer Zeit ist die Vahr natürlich wegen des Romans Neue Vahr Süd (in dem Herr Lehmann vorkommt) berühmt geworden. Das darf nicht verschwiegen werden. Den Kultroman hat Hermine Huntgeburth, eine der besten Regisseurinnen, die wir in Deutschland haben, im letzten Jahr verfilmt. Kommen auch Pferde drin vor. Allerdings nicht auf der Vahrer Rennbahn sondern auf dem Sielwall. Und es sind keine Rennpferde, sondern Polizeipferde während der Sielwall Krawalle von 1980. Da hat man den Sielwall für den Film, wie die Presse berichtete, im Retrostil auf die 80er Jahre umgebaut. Brauchte man nicht viel zu machen, sieht da in der Gegend sowieso aus wie 1980.

Das einzig Gute, was uns (meiner Meinung nach) der Galopprennsport gebracht hat, ist eine kleine Perle der Kleinkunst von Wilhelm Bendow, in der die unsterbliche Zeile wo laufen sie denn? vorkommt. Loriot hat diesen Klassiker einmal illustriert. Klicken Sie doch hier einmal rein, mehr braucht man über Pferderennen wirklich nicht zu wissen. Die Sache mit der Perle der Kleinkunst habe ich mir nicht ausgedacht, das steht so auf meiner Wilhelm Bendow CD, die immer noch lieferbar ist.

Angie Dickinson


Haste über Brigitte Bardot geschrieben? fragte mich Jimmy vorgestern am Telephon. Ich sagte ihm, dass ich es an dem Tag vorgezogen hatte, über Albert Vigoleis Thelen zu schreiben. Fügte dann aber hinzu, dass ich übermorgen über Angie Dickinson schreiben würde. Rio Bravo, sagte er. Mit ihm braucht man nicht viele Worte zu machen, wir verstehen uns so. Also gut, Brischidd habe ich vergessen. Aber ich kann ja irgendwann noch mal über sie schreiben. Ich habe auch noch eine Platte, die ich mal in Paris gekauft habe, mit einem Cover in Pink und einer wenig bekleideten Brischidd vorne drauf, Editions Eddie Barclay. Filmmusik zu Le Repos du guerrierInterdit aux moins de 18 ans, nicht die Musik, der Film. Wenn Sie mal eben dies anklicken, dann können Sie die plüschige Filmmusik hören. 

Ich hätte natürlich Keith fragen können, ob er an Brigitte Bardot gedacht hat. Der hat zwar keine Platten von Brigitte Bardot, aber dafür hat er ein Auto, das ihr mal gehört hat. Einen Morgan 4/4. Ich habe im Netz kein Photo von ihr und dem Morgan gefunden, nur welche mit einer Renault Floride. Aber so ein Auto würde Keith nicht sammeln, selbst wenn es von BB wäre. Ich weiß jetzt nicht, ob er den Morgan wie einen Morgan behandelt oder wie ein Heiligtum. Was ist das für ein Gefühl, sich dahin zu setzen, wo mal der Po von Brischidd war?

Aber ich wollte nicht über BB schreiben, ich wollte über Angie Dickinson schreiben. Die hat heute  Geburtstag. Und damit komme ich noch einmal auf Rio Bravo zurück. Wo sie Feathers heißt und diese aufregenden Klamotten trägt. Nicht nur auf der Leinwand, auch bei den Dreharbeiten. Auf dem Photo hier ist Angie Dickinson 27. Als BB so alt war, hatte ihre ersten ernstzunehmenden Filme gedreht: Die Wahrheit und Privatleben. In Privatleben wurde sie von Gregor von Rezzori in einem schönen alten Jaguar herumkutschiert. Als sich von Rezzori im gleichen Jahr scheiden ließ, sprach der Scheidungsrichter seiner Ehefrau die Hälfte vom Jaguar zu. Der Mann, dem wir die wunderbaren maghrebinischen Geschichten verdanken, ließ den Jaguar in der Mitte durchsägen und stellte eine Hälfte zur Abholung vor die Garage. Ich darf nicht anfangen, über Autos zu schreiben, ich komme sonst vom Hölzchen aufs Stöckchen.

In Rio Bravo, einem der beliebtesten Western der Filmgeschichte, kommen keine Autos vor, obgleich es ein so genannter Spätwestern ist. Es gibt ja eine Reihe von Spätwestern, in denen Autos vorkommen. Aber die haben natürlich keine Angie Dickinson im Film. Denn, seien wir ehrlich: diese mit leichter Hand selbstironisch dargebotene Geschichte (die auch noch den bedeutungsschwer tapsenden Film High Noon ironisch kommentiert) wäre nichts ohne Angie Dickinson. Die Meister des Hollywoodfilms wissen schon, was sie den Frauen verdanken. Was wären die Western von John Wayne ohne Maureen O'Hara oder Joanne Dru? Wie viele andere in Hollywood ist Howard Hawks ein wenig dem Wahn verfallen, immer neue junge Schönheiten in seinen Filmen zu präsentieren und sie nach seiner Vorstellung zu formen. Joanne Dru (in Red River), Angie Dickinson, Elsa Martinelli (Hatari), Paula Prentiss (Man's Favorite Sport?) und Charlene Holt in dem Rio Bravo Remake El Dorado. Der Regisseur als Pymalion, Garry Willis mokiert sich ein wenig darüber in seinem Buch John Wayne's America. Aber man kann das auch anders sehen: Howard Hawks hat den Satz Kino ist schöne Dinge mit schönen Frauen machen längst begriffen, bevor ihn Truffaut formuliert hat.

Angie Dickinson heißt in Rio Bravo Feathers. Und Kenner der Filmgeschichte wissen natürlich, dass es schon einmal eine Feathers im amerikanischen Film gab. Feathers MCoy (gespielt von Evelyn Brent) heißt sie in Joseph von Sternbergs Film Underworld. Wenn man Feathers heißt, gehört man zur Unterwelt. Oder zu einer Welt, die ein klein wenig anrüchig und verworfen ist. Denn in dieser Welt - die es nur in der Phantasie von Hollywood gibt - trägt man solche Sachen, wie Angie Dickinson sie in Rio Bravo trägt. Denn das ist ja etwas anderes als die steife Kleidung von dieser kalten Schönheit Grace Kelly in High Noon. Und wenn man so ausgezogen angezogen durch den Film läuft, dann kriegt man am Ende auch den Sheriff John Wayne. Obwohl der doppelt so alt ist wie Angie Dickinson.

Dieser Western lebt von der sexuellen SpannungHigh Noon garantiert nicht. Und wenn auch John Wayne längst nicht mehr so sexy aussieht wie in Stagecoach, die Frauen verfallen ihm noch immer. Auf jeden Fall im Film. Oder wenn sie Joan Didion heißen und John Wayne: A Love Song schreiben: all the officers' club had of interest was artificial blue rain behind the bar. The rain interested me a good deal, but I could not spend the summer watching it, and so we went, my brother and I, to the movies.
   We went three and four afternoons a week, sat on folding chairs in the darkened hut which served as a theatre, and it was there, that summer of 1943 while the hot wind blew outside, that I first saw John Wayne. Saw the walk, heard the voice. Heard him tell the girl in a picture called 'War of the Wildcats' that he would build her a house, 'at the bend in the river where the cottonwoods grow'.
   As it happened I did not grow up to be the kind of woman who is the heroine in a Western, and although the men I have known have had many virtues and have taken me to live in many places I have come to love, they have never been John Wayne, and they have never taken me to that bend in the river where the cottonwoods grow. Deep in that part of my heart where the artificial rain forever falls, that is still the line I wait to hear.

Alexander Deineka


Ich habe während der verregneten Kieler Woche Schubladen aufgeräumt. Man staunt ja, was man alles über die Jahre gesammelt hat. Ich wäre da nicht freiwillig heran gegangen, aber ich musste zwei Schränke im Flur leer räumen, damit man die leichter bewegen konnte. Weil sonst mein neues Klavier nicht in die Wohnung gepasst hätte. Über das neue Klavier schreibe ich gern ein anderes Mal. Die Hälfte des Inhalts der Schubladen wurde jetzt kurzentschlossen dem Papiermüll überantwortet. Was soll ich mit hunderten von Sonderdrucken von wissenschaftlichen Aufsätzen, die ich vor vierzig Jahren geschrieben habe? Aber es fanden sich auch unverhofft Dinge, die ich in diesen Schubladen nicht vermutet hatte. Wie ein großer Umschlag, der zahlreiche mir gewidmete Sonderdrucke der Baronin von Stoltzenberg enthielt (leider war das vermisste James Joyce Photo nicht dabei). Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem ich gerade diesen Post ins Netz gestellt hatte. Da holt einen die Vergangenheit doch plötzlich ein. Und bei all dem, was einmal wichtig war und von dem jetzt so vieles unwichtig war, fand ich auch eine Abbildung dieses Bildes von Alexander Deineka, das Road to Mount Vernon heißt.

Mir fiel natürlich sofort ein, weshalb ich das jahrzehntelang aufgehoben hatte. Weil es mich an Edward Hopper erinnerte, und ich mir dachte, darüber könnte man mal etwas schreiben. Und so legt man alle Ideen, Photographien und Bilder erst einmal in ein Mäppchen. Und dann in die Schublade. Vielleicht reifen sie da ja. Meistens werden sie vergessen. Wäre ich damals schon Blogger gewesen, hätte ich wenige Tage später ratzfatz einen netten Post über Alexander Deineka und Edward Hopper geschrieben. Aber das Internet, das für uns alle Neuland ist, gab es damals noch nicht. Und an ein Portmanteau Wort wie Web-Log dachte noch niemand.

Es ist ja nicht nur Hopper, an den Denekas Mount Vernon Highway erinnert. Es ist auch ein wenig von Grant Wood ins seinem Bild. Weil diese Straße, die in der Sonne flirrt, etwas Geheimnisvolles hat. Und alle amerikanischen Straßen den Tod bringen. Unsafe at any speed gilt nicht nur für die Produkte Detroits, es gilt auch für amerikanische Autofahrer. Das wissen jene Maler, die schlechte Autofahrer sind. Wie Edward Hopper. Er hatte sich 1927 einen alten Dodge gekauft, erlaubte aber seiner Frau Jo Nivison nicht, den zu fahren.

Die darf nur auf dem Beifahrersitz sitzen. Und vielleicht mal ein bisschen malen. Sie ist eine begabte Malerin gewesen, aber sie kann sich neben dem alten Griesgram nicht entfalten. In den dreißiger Jahren sind viele schlechte Fahrer in Amerika unterwegs. Ein Schriftsteller wie Nathanael West kommt bei einem Autounfall ums Leben. Wahrscheinlich - wie man vermutet - weil er gerade den Tod von F. Scott Fitzgerald im Kopf hat. Der war, wie seine Frau Zelda auch ein schlechter Autofahrer. Ein Freund erinnerte sich an seine Fahrkünste: Neither of them could drive much. Scott used to borrow my car in Montgomery when he was courting Zelda, so I knew fairly well the limits of his ability. As I remember it we went down to the Battery and it was a choice between a new sedan and a second-hand Marmon sports coupe. Of course, they couldn’t resist the Marmon. Well, we bought it and I drove them up to 125th Street. I showed Scott how to shift on the way and both of them knew something about steering. Then they put me out and struck off.

Ich nehme einmal an, dass dieser Dialog aus The Great Gatsby direkt aus dem Leben des Ehepaares Fitzgerald in den Roman gewandert ist:

'You're a rotten driver,' I protested. 'Either you ought to be more careful or you oughtn't to drive at all.'
'I am careful.'
'No, you're not.'
'Well, other people are,' she said lightly.
'What's that got to do with it?'
'They'll keep out of my way,' she insisted. 'It takes two to make an accident.'
'Suppose you met somebody just as careless as yourself.'
'I hope I never will,' she answered. 'I hate careless people. That's why I like you.'
Her grey, sun-strained eyes stared straight ahead, but she had deliberately shifted our relations, and for a moment I thought I loved her.'

Alexander Deinekas kleines Bild (es ist sechzig mal achtzig Zentimeter groß) Road to Mount Vernon ist unten rechts signiert und datiert. 1935, da ist der russische Maler zum einzigen Mal in den USA gewesen (auch nach Frankreich und Italien ist er auf seiner Studienreise von 1935-36 gekommen). Er hat Skizzenblock um Skizzenblock gefüllt, die Bilder kamen dann später (auf dieser Seite können Sie seine Arbeiten aus den dreißiger Jahren sehen). Und wahrscheinlich ist diese Straße nach Mount Vernon (wo George Washington einmal gewohnt hat) in Moskau aus der Erinnerung gemalt worden. Mit diesem leichten Chamoiston hat das Bild etwas von einem verblassten alten Photo an sich. Wie dieses Erinnerungsphoto, das Deineka in den USA zeigt. 1935 ist auch das Jahr, in dem der Film Mein Freund Iwan Lapschin spielt, es ist das Jahr, in dem der große stalinistische Terror beginnt. Ist da eine Sehnsucht nach Amerika in diesem Bild? Take me home, country roads?

Mehr noch als dieses Bild hier, das ich im Internet fand (und das wohl in der gleichen Gegend gemalt wurde), hat die Road to Mount Vernon etwas an sich, was Adam Gopnik in seinem Essay über Audubon quasi in einem Nebensatz beschrieben hat: Audubon's compositions — the unchanging light, and blank, cloudless skies, and long, uninterrupted horizons are recognizably American without ever being quite situated. This almost mystical idea of Americanness, expressed as a spare, underpopulated thinness, an endless backdrop, begins in Audubon and continues right through to John Ford Westerns and to Georgia O'Keeffe. Das ist schon eine erstaunliche Sache. Da kommt der Hauptvertreter des Sozialistischen Realismus aus der Sowjetunion nach Amerika und erfasst mit wenigen Pinselstrichen den Mythos der open road, diese mystical idea of Americanness. Weil es ihn an die russische Weite erinnert? Vielleicht sind sich Amerikaner und Russen tief in ihrer Seele doch ähnlicher als wir glauben.

Henry James


So kennen wir ihn eigentlich nicht. Das ist Henry James als junger Mann. Das Bild wurde 1862 von John La Farge gemalt. In Newport. Das ist jetzt eine sehr vornehme Gegend. Die Vanderbilts, Wideners und Astors haben hier Sommerhäuser. Und die Familie von Henry James wohnt hier, John La Farge, der die Schwester der Malerin Lilla Cabot Perry geheiratet hat, auch manchmal. Die amerikanische High Society des Gilded Age ist natürlich in die Literatur gewandert, Edith Wharton (wenn man so will eine Schülerin von Henry James) hat das gesellschaftliche Leben in Newport in ihrem Roman The Age of Innocence beschrieben. Henry James kennt den Maler, denn John La Farge ist mit seinem Bruder befreundet. Der ist noch nicht der berühmte Psychologe und Philosoph William James, der studiert damals noch Malerei.

So kennen wir Henry James. Das Bild von John Singer Sargent aus dem Jahre 1913 (1915) hängt heute in der National Portrait Gallery London. Henry James hat es immer geliebt, all large and luscious rotundity, by which you may see how true a thing is, schreibt er an Rhoda Broughton (die Nichte von Sheridan Le Fanu). Beleibtheit ist jetzt ein Statussymbol. Es ist eine stolze Pose, in der er sich malen lässt. Dies könnte ebenso das Bild eines robber baron des Gilded Age sein. Es ist eigentlich ein sehr konventionelles Bild von John Singer Sargent. Es hat nichts von dieser expressiven quirkiness seiner beiden Portraits von Robert Louis Stevenson.

Sargent wollte das Bild nicht malen, er hatte sein Studio in London schon vor Jahren für die Öffentlichkeit geschlossen. Das Portraitieren der Reichen und Schönen der Welt, mit dem er so erfolgreich war, ekelte ihn langsam an. Er war jetzt Landschaftsmaler geworden. Doch dieser Auftrag kam von Henry James' Freunden in England, 269 insgesamt, die dafür 500 Pfund für das Geschenk zum siebzigsten Geburtstag gesammelt hatten (was damals sehr viel Geld war. Die einzelne Spende sollte fünf Pfund nicht überschreiten). Und Henry James kannte er sein Leben lang. Der hatte sich immer als sein großer Gönner aufgespielt, seit er ihn 1884 kennengelernt hatte: The only Franco-American product of importance here strikes me as young John Sargent the painter, who has high talent, a charming nature, artistic and personal, and his civilized to his finger-tips. He is perhaps spoilable - though I don't think he is spoiled. But I hope not, for I like him extremely.

Henry James wollte, als er davon hörte, den ganzen Plan mit dem Bild zuerst verhindern, fügte sich dann aber. Verhindert hat er allerdings einen Plan von Edith Wharton, unter den amerikanischen Freunden (und da ging es um sehr viel höhere Spenden, nämlich mindestens 500 $) für ein Automobil zu sammeln. Was soll er mit einem Automobil? Edith Wharton kann Auto fahren (sie ist mit dem Auto durch ganz Frankreich gefahren), Henry James nicht. Edith Wharton hat Henry James häufig durch England kutschiert. In ihrer Autobiographie A Backward Glance hält sie eine Episode fest, die die Langatmigkeit des Schriftstellers sehr schön illustriert:

The most absurd of these episodes occurred on another rainy evening when James and I chanced to arrive at Windsor long after dark. […] While I was hesitating and peering out into the darkness James spied an ancient doddering man who had stopped in the rain to gaze at us. ‘Wait a moment, my dear—I’ll ask him where we are’; and leaning out he signalled to the spectator.
     ‘My good man, if you’ll be good enough to come here, please; a little nearer—so,’ and as the old man came up: ‘My friend, to put it to you in two words, this lady and I have just arrived here from Slough; that is to say, to be more strictly accurate, we have recently passed through Slough on our way here, having actually motored to Windsor from Rye, which was our point of departure; and the darkness having overtaken us, we should be much obliged if you would tell us where we now are in relation, say, to the High Street, which, as you of course know, leads to the Castle, after leaving on the left hand the turn down to the railway station.’
     I was not surprised to have this extraordinary appeal met by silence, and a dazed expression on the old wrinkled face at the window; nor to have James go on: ‘In short’ (his invariable prelude to a fresh series of explanatory ramifications), ‘in short, my good man, what I want to put to you in a word is this: supposing we have already (as I have reason to think we have) driven past the turn down to the railway station (which in that case, by the way, would probably not have been on our left hand, but on our right) where are we now in relation to…’
     ‘Oh, please,’ I interrupted, feeling myself utterly unable to sit through another parenthesis, ‘do ask him where the King’s Road is.’
     ‘Ah—? The King’s Road? Just so! Quite right! Can you, as a matter of fact, my good man, tell us where, in relation to our present position, the King’s Road exactly is?’
     ‘Ye’re in it’, said the aged face at the window
.

So sehr sich Sargent am Anfang von der Freundschaft Henry James' geschmeichelt fühlt, der sein Protegé auch in jeder öffentlichen Diskussion (zum Beispiel bei der um das Bild von Madame X) verteidigt, so sehr geht ihm der alte Besserwisser mit den Jahren auf die Nerven. Gut, Henry James hatte ihm den Weg in die englische High Society geebnet, und sein Artikel in Harper's Magazine war für die Karriere förderlich, aber Sargent wünscht sich doch, dass dieses Gluckenverhalten von James endlich mal aufhört. Henry James fühlt sich dazu berufen, den von Sargent gemalten Personen vor den Sitzungen Ratschläge zu erteilen. So Mrs Mahlon Sands (oben), der er schrieb: Cultivate indifference...be as difficult for him as possible; and the more difficult you are the more the artist will be condemned to worry over you, repainting, revolutionizing, till he, in a rage of ambition and admiration arrives at the thing. Sie hält sich an diese Ratschläge, und das, was Henry James hier empfiehlt, können Frauen ja auch gut. Und John Singer Sargent denkt sich, was ist bloß mit dieser Tussi los?

Nein, Sargent geht diesen Auftrag mit sehr gemischten Gefühlen an, die erste von neun Sitzungen wird im Mai 1913 sein. Da war der Geburtstag schon vorbei, das erste Geschenk für das Geburtstagskind war eine goldene Schale. Passend für jemanden, der The Golden Bowl geschrieben hat. Mit der Überreichung der goldenen Schale, die eigentlich nur etwas ist, was die Engländer einen porringer nennen (und eigentlich ist sie auch nur aus Silber), wird auch die Schenkung des Portraits angekündigt. Für die sich James Bedingungen vorbehält: es soll nur eine Leihgabe sein, nach seinem Tod soll es dem englischen Volk gehören. Henry James lebt seit Jahrzehnten in England und wird 1915 offiziell ein Engländer werden. Deshalb hängt es heute in der National Portrait Gallery. Er hat einmal gesagt However British you may be, I am more British still. Wenn das Portrait in der National Portrait Gallery hängt, dann hat er das auf jeden Fall bewiesen.

Sargent hat auch eine Bedingung. Wenn ihm selbst das Bild nicht gefällt, behält er sich vor, es zu vernichten. Er wird es nicht tun, das Bild gilt heute als eins seiner Hauptwerke. Die 500 Pfund behält Sargent nicht. Er gibt sie dem jungen Bildhauer Francis Derwent Wood, damit der eine Büste von Henry James anfertigt. Dieses Photos ist wahrscheinlich im Studio des Bildhauers  entstanden. Das würde auch die Kleidung von James erklären, der ja sonst ein Musterbeispiel für korrekte Kleidung ist. Das Photo ist aus dem gleichen Jahr wie das schmeichelhafte Portrait von Sargent. Das Gesicht von James wirkt hier aufgeschwemmt. Wenn wir in das Tagebuch von 1913 schauen, finden wir die Namen von einem halben Dutzend Ärzten, die die Angina pectoris und das Lungenödem des Patienten in den Griff zu bekommen versuchen.

Sargent hat noch eine zweite Bedingung: Henry James muss zu jeder Sitzung einen Begleiter mitbringen, damit der sich mit James unterhalten kann. So kann sich Sargent auf das Malen konzentrieren und braucht sich keine Kommentare über das Wesen der Kunst von Henry James anzuhören. Also so etwas wie It is art that makes life, makes interest, makes importance... and I know of no substitute whatever for the force and beauty of its process. Henry James hat es nicht weit bis zu Sargents Studio in der Tite Street in Chelsea, er ist gerade in die Carlyle Mansions gezogen. Sie sind jetzt beinahe Nachbarn.

Die Kohlezeichnung (oben) hatte Sargent im Jahr zuvor von Henry James gemacht, er war nicht glücklich mit ihr (man fragt sich, warum eigentlich nicht?). Dieses Gemälde sollte und musste besser werden. In seinen Tagebüchern hat Henry James nichts über die Entstehung des Bildes festgehalten. Hier findet sich nur der Name des Malers und eine Uhrzeit. Am Dienstag, dem 24. Juni 1913 steht da: sat to Sargent for last time. Die 269 Gratulanten bekommen eine Photographie des Bildes, die von Sargent und James signiert wurde und dürfen es zum Ende des Jahres in einer privaten Ausstellung sehen. Henry James ist die drei Tage im Dezember, an denen das Bild gezeigt wird, in der Tite Street anwesend. Natürlich hat Sargent sein altes Studio behalten, auch wenn es jetzt eigentlich nicht mehr für Portraits gebraucht. Es ist vorher das Studio von Whistler gewesen

Wenn das Bild einer größeren Öffentlichkeit präsentiert wird, ist es sogleich Gegenstand eines Skandals. So meldet die New York Times am 5. Mai 1914: LONDON, May 4. -- One of THE NEW YORK TIMES'S correspondents chanced to be in Gallery No. 3 of Burlington House at 1:15 P.M. to-day, when an elderly militant suffragette slashed with a hatchet the presentation portrait of Henry James, by John S. Sargent, R.A., the celebrated American painter, which was acknowledged on all hands to be the greatest picture of this year's exhibition of the Royal Academy. Militante Suffragetten sind ja in dieser Zeit die Pest. Man fragt sich, ob die Hannah Duston des Jahres 1697, die Leslie Fiedler die Great WASP [White Anglo-Saxon Protestant] Mother of Us All genannt hat, wieder auferstanden ist. Die Dame gibt ihren Namen mit Mary Wood an, aber in Wirklichkeit heißt sie wohl Mary Aldham (auf dem Photo oben links). Den Bericht der Londoner Times kann man hier nachlesen. John Singer Sargent wird die Leinwand reparieren und die Spuren des kleinen Hackebeils übermalen (aus dem Grunde habe ich oben zwei Jahreszahlen, 1913 und 1915, für das Portrait genannt).

Zwischen dem Portrait von La Farge und dem Portrait von Sargent liegt ein halbes Jahrhundert, liegt sein ganzes Schriftstellerleben. Und was für ein Werk! Romane (sehr lange Romane), Kurzgeschichten, Briefe, Tagebücher, Literaturkritik. Als ich so jung war wie Henry James auf dem Bild von La Farge, hatte ich eine schwere Henry James Phase, habe beinahe alles von ihm gelesen. Damals hatte ich noch nicht Fritz Güttingers wunderbaren Essay Gänseblümchen in Silbervasen (in dem Band Ein Stall voll Steckenpferde) gelesen, in dem es heißt: Für die wenigen, die Henry James lesen, ist er Gegenstand eines Kultes, der an geistige Selbstquälerei grenzt und schlechthin unbegreiflich ist. Und noch pointierter: Henry James ist entschieden, was auf  englisch ein acquired taste genannt wird, etwas, worauf jeder zuerst mit Widerwillen reagiert, um es nach langer, beharrlicher Selbstüberwindung schließlich doch genießbar zu finden (Beispiele: moderne Musik, Spinat, Frühaufstehen).

Wenn wir ihm auf dem Portrait von Sargent noch einmal in die Augen schauen (und die Assoziation mit dem Spinat vergessen - aber das werden wir nie mehr können!), wer ist er wirklich? Irgendwie erscheint er mir immer leicht blasiert und oberflächlich zu sein. Abschätzend, distanziert. my younger and shallower and vainer brother is already in the Academy, wird William James in seinem Brief schrieben, in dem er die Mitgliedschaft in der American Academy of Arts and Letters ablehnt. Selbst wenn er das spöttisch ironisch meint, irgendwas davon bleibt hängen. Ich habe diesen Satz nie vergessen, und ich lese das shallow und vain immer in das Gesicht von Henry James hinein.

Meine schwere Henry James Phase ist lange vorüber. Ich weiß, dass ich seine langen Romane kein zweites Mal lesen würde, da würde es sich eher lohnen, Prousts Recherche ein drittes Mal zu lesen. I can't read Henry James. I mean, literally, my brain gets about half-way through a tortuous sentence, and says 'stop wasting my time with this'. It's not perfect prose, I think he tries to express too much and his ability to communicate buckles under the strain schreibt ein Kommentator namens dellamirandola im einem Blog des Guardian. Vielleicht hat er (oder sie) Recht. Von Henry James' Zeitgenossen kann ich Thomas Hardy und Joseph Conrad wieder und wieder lesen, James nicht.

Und deshalb bin ich wahrscheinlich auch der Falsche, um Lesetips zu geben. Ich kann allerdings auf eine gute Henry James Seite im Netz hinweisen (und auf eine schöne John Singer Sargent Virtual Gallery). The Turn of the ScrewDaisy Miller und Portrait of a Lady muss man auf jeden Fall gelesen haben. Aber ich mochte damals auch The Asperns Papers und The Spoils of Poynton. Wenn man erst einmal angefangen hat, Henry James gut zu finden, wird man sich mit geistiger Selbstquälerei entschliessen, auch den nächsten und übernächsten Band zu lesen. Denn für das Suchtverhalten des Lesers gilt sicher der Vierzeiler, den John Bayley einmal irgendwo notiert hat:

In Heaven there'll be no algebra,
No learning dates or names,
But only playing golden harps
And reading Henry James.

Henry James ist heute [28.2.2011] vor 95 Jahren gestorben.

Göttin


Zuerst haben sie ja zwanzig Jahre lang den Citroen Traction Avant gebaut, hatte den schönen Beinamen Gangsterauto. Und man konnte auch aus la Traction das Wort l'attraction bilden. Aber nun kommt die neue Zeit. Als heute vor 55 Jahren der Pariser Automobilsalon öffnet, da konnte sie jeder sehen, die Göttin. Aus der internen Bezeichnung DS wurde La Déesse. Das Design stammte von Flaminio Bertoni, der zuvor auch den Traction Avant und den Deux Chevaux entworfen hatte (der natürlich mehr als zwei PS hatte, das mit den zwei Pferden bezieht sich auf die Steuerklasse).

Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen ... ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake, hieß es ein halbes Jahrhundert zuvor in Marinettis Manifest des Futurismus. Das da links ist Marinetti mit seinem neuen Auto, das überhaupt nichts Rennwagenähnliches an sich hatte - und er konnte auch überhaupt nicht damit umgehen. Zwischen den Worten des Dichters und der automobilen Realität sind doch Welten.

Obgleich das alte schwarze Gangsterauto für alle französischen Krimis toll war, kommt jetzt im Jahre 1955 die ganz neue Zeit (passend zum nouveau roman und der nouvelle vague), keine großen Rohre mehr, wie an Marinettis Rennwagen. Stattdessen Stromlinie und Luftfederung. Und die Scheinwerfer, an die Lenkung gekoppelt, leuchten um die Ecke. Roland Barthes hat in seinen Mythologies an die Déesse eine Liebeserklärung gerichtet, wofür ihm die Firma Citroen sofort ein Exemplar hätte schenken müssen.

I think that cars today are almost the exact equivalent of the great Gothic cathedrals: I mean the supreme creation of an era, conceived with passion by unknown artists, and consumed in image if not in usage by a whole population which appropriates them as a purely magical object.
   It is obvious that the new Citroen has fallen from the sky inasmuch as it appears at first sight as a superlative object. We must not forget that an object is the best messenger of a world above that of nature: one can easily see in an object at once a perfection and an absence of origin, a closure and a brilliance, a transformation of life into matter (matter is much more magical than life), and in a word a silence which belongs to the realm of fairy-tales. The D.S. - the "Goddess" - has all the features (or at least the public is unanimous in attributing them to it at first sight) of one of those objects from another universe which have supplied fuel for the neomania of the eighteenth century and that of our own science-fiction: the Deesse is first and foremost a new Nautilus.

Bei Marinetti war es noch die Nike von Samothrake, jetzt wird das Automobil zur gotischen Kathedrale. Von den Schriftstellern können die Werbeabteilungen noch viel lernen. Aber auch ohne seinen Essay hat es funktioniert, am Abend des ersten Tages der Pariser Automobilausstellung waren 12.000 Exemplare bestellt.

Roland Barthes hat viele amüsante und kluge Dinge geschrieben, ich weiß nicht, ob ihn das schon wirklich zu einem Philosophen macht. Aber dieser ganze Strukturalismus mit signifiers und signs klingt natürlich gut. For Thursday, you should read the Roland Barthes essay, "The Death of the Author." In your comments I'd like you to tell me what Barthes meant to imply when he wrote, "The birth of the reader must be at the cost of the death of the Author." In case you're curious about how our man Roland actually died, here's a song from Colson Whitehead's 2001 book, "John Henry Days": "Roland Barthes got hit by a truck/That's a signifier you can't duck/Life's an open text/From cradle to death." Das schreibt ein Blogger (ein amerikanischer Doktorand) und gibt seinen Lesern Hausaufgaben. Wollen Sie auch mal eben bis Donnerstag den Essay The Death of the Author lesen? Als Roland Barthes das geschrieben hatte, kursierten in Paris Witze, dass er jetzt in den Metro betteln würde, weil ihm seine Verlage keine Tantiemen mehr bezahlen, weil er den Autor ja für tot erklärt habe. Aber Roland Barthes ist wirklich eines Tages gestorben, weil er von einem kleinen Wäschelaster angefahren wurde, es wäre noch tragischer gewesen, wenn es eine Citroen Déesse gewesen wäre.

Und dieses kleine Gedicht Roland Barthes got hit by a truck kommt in dem Roman John Henry Days von Colson Whitehead (übrigens ein sehr lesenswerter Roman) wirklich vor, auf der letzten Seite von Teil V. Ich weiß nicht, ob es wirklich von Colson Whitehead ist, ich kannte es schon, bevor ich den Roman gelesen hatte. Blöde Akademikerwitze kursieren immer sehr schnell, das Seminar Englische Lyrik hat noch nicht angefangen, da hat schon ein Anonymus T.S. Eliot is an anagram for toilets an die Wandtafel geschrieben.

Als die Déesse neu war, schaute man gebannt zu, wie sie sich absenkte, nachdem der Fahrer den Wagen verlassen hatte. Allein, mit der Zeit verlor diese Neuigkeit ihren Reiz, und so toll sah sie ja auch nicht aus, mit einem Facel Vega konnte die Göttin nun überhaupt nicht konkurrieren. Niemand von uns Teenies, für die Autos in den fünfziger Jahren alles bedeuteten, wäre auf die Idee gekommen, den Citroen mit einer gotischen Kathedrale zu vergleichen. Einen Facel Vega mit einer griechischen Göttin schon eher. Und in den französischen Gangsterfilmen sah ein alter Citroen Traction Avant mit der Selbstmördertür einfach besser aus als die französische Flunder.

Das Zitat über die Déesse geht folgendermaßen weiter: This is why it excites interest less by its substance than by the junction of its components. It is well known that smoothness is always an attribute of perfection because its opposite reveals a technical and typically human operation of assembling: Christ's robe was seamless, just as the airships of science-fiction are made of unbroken metal. The D.S 19 has no pretensions about being as smooth as cake-icing, although its general shape is very rounded; yet it is the dove-tailing of its sections which interest the public most: one keenly fingers the edges of the windows, one feels along the wide rubber grooves which link the back window to its metal surround. Wenn die Franzosen mal gedanklich abheben, dann aber richtig. Ich finde das mit dem Gewand Christi und den Raumschiffen der Science Fiction ein klein wenig gewagt. Und wieder einmal entfernt sich der Mann, der sechzig Jahre bei Mammi gelebt hat, in seinen Gedankenflügen ein bisschen von der Erde. Ich sage jetzt über französische Automobile der fünfziger und sechziger Jahre (und siebziger et. etc) nur ein einziges Wort: Spaltmaße!

Roland Barthes hat in den Jahren 1954 bis 1956 monatlich für die Zeitschrift Les Lettres Nouvelles geschrieben. Er hatte gerade den Sprachphilosophen de Saussure gelesen, und dekonstruiert jetzt die Mythen des Alltags mit Hilfe von de Saussure, Husserl, Freud und Marx. Die Franzosen haben es ja gerne kompliziert, William of Ockhams entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem gilt bei ihnen nichts. Und doch entgeht Barthes bei allen geistreichen Überlegungen das wahre Wesen des französischen Automobils. Dafür braucht man nicht so viele Wörter wie Barthes in The New Citroen. Da genügt wiederum eins: Rost. Heißt auf Französisch rouille, ist aber das gleiche.

Albert Camus


In der Rede, die er im Dezember 1957 nach der Verleihung des Nobelpreises in Uppsala gehalten hat, zitierte Albert Camus (der heute von einhundert Jahren geboren wurde) den amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau: So long as a man is faithful to himself, everything is in his favor, government, society, the very sun, moon, and stars. Das Zitat hatte er sich schon Jahre zuvor in seinem Tagebuch notiert. Sich selbst treu bleiben, das hätte von ihm sein können. Ein Wanderer zwischen allen ideologischen Welten, ein Wanderer zwischen Algerien und Frankreich in der schwersten Krise Algeriens. Er hat als Philosoph und als Schriftsteller über den Menschen und das Leben schöne Sachen gesagt, die man immer wieder zitieren kann. Eins der erstaunlichsten Zitate ist der Satz:

Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball, das hat Camus auch gesagt. Eine verblüffende Aussage, aber er soll in seiner Jugend ein guter Torwart beim Fußballverein Racing Universitaire d’Alger gewesen sein. Und der Erfolg beim Fußball war für den jungen Mann aus armen Verhältnissen - ebenso wie sein früh beginnendes Dandytum - eine Selbstbehauptung im Kreis der reichen Bürgersöhne. Auf dem Photo sitzt er unten, mit der großen Torwartmütze.

Philosophen haben es ja meist nicht so mit dem Sport, obgleich wir seit den alten Lateinern die Weisheit besitzen, die das Motto aller Sportlehrer ist: Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano. Der einzige Philosoph mit sportlichen Neigungen, der mir einfällt, ist Thomas Hobbes, der im hohen Alter noch Tennis spielte. Das berichtet auf jeden Fall John AubreyBesides his dayly walking, he did twice or thrice a yeare play at tennis (at about 75 he did it); then went to bed there and was well rubbed. This he did believe would make him live two or three yeares the longer. In the countrey, for want of a tennis-court, he would walke up-hill and downe-hill in the parke, till he was in a great sweat, and then give the servant some money to rubbe him.

Allerdings berichtet Aubrey auch, dass Hobbes dem Tabakgenuss nicht abgeneigt war: After dinner he tooke a pipe of tobacco, and then threw himselfe immediately on his bed. Diese Leidenschaft für den blauen Dunst teilt er mit vielen Philosophen. Kierkegaard liebte seine Zigarren, und Camus und Sartre sind die lebende Werbung für die Firma Gauloises. Die Glimmstengel aus der blauen Packung habe ich damals auch geraucht, als ich meine schwere Exi Phase hatte. Genau genommen hatte ich sie nur immer dabei und tat so, als ob ich sie rauchte. Ich mochte dies scheußliche Zeug, von dem man gelbe Finger kriegte, überhaupt nicht. Wenn schon Zigaretten, dann nur aus Helgoland geschmuggelte Simon Arzt.

Exi war damals beinahe jeder, man brauchte dafür einen schwarzen Rollkragenpullover und ein graues Tweedjackett. Graue Tweedjacketts waren in den fünfziger Jahren eine große Sache. Man trug sie in Deutschland vorzugsweise mit einem weißen Hemd. Engländer wären nie auf diese Idee gekommen. Sah am Durchschnittsdeutschen auch nicht so elegant so wie hier an Gabriele Ferzetti in L'avventura. Das Tweedjackett durfte nicht neu sein, es musste so aussehen, als ob man einen Irischen Wolfshund ausgekämmt hatte. Also dieser richtige Look der Jazzkeller des Rive Gauche oder die Riverkasematten in Hamburg. Neben Rolli und Tweedjackett musste man natürlich noch einen Band Camus oder Sartre unter dem Arm tragen. Und dann musste man für Juliette Gréco schwärmen, was ich selbstverständlich tat. Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben. Und non, je ne regrette rien.

Gut, das war das Äußerliche. Man konnte den Stil leicht nachahmen, es gab genügend Photos von der Pariser Szene. Und die Photos von Henri Cartier-Bresson von Camus (oben) oder Sartre (hier) haben ja schnell einen ikonischen Charakter bekommen. Philosophen wurden damals in Frankreich inszeniert wie Filmstars. Oder wie die beiden neuen Herrscher am Modehimmel, Christian Dior und Jacques Fath. Camus war einer der Helden meiner Jugend, ich wollte so cool sein wie er auf dem Photo von Cartier-Bresson. Camus hatte immer gute Photographen. Er gefiel mir auch, weil er immer gut gekleidet war und Stil hatte, ein Mitschüler hat sich erinnert, dass er schon als Jugendlicher graue Flanellanzüge zum Unterricht trug. Wenn er mit einundzwanzig heiratet, wird ihm seine reiche Schwiegermutter die eleganten Anzüge bezahlen. Camus sah, selbst wenn er sich als Bohemien gab, nicht so heruntergekommen auf den Bildern aus wie Heidegger, der auf seinen Holzwegen immer wie ein Waldschrat aussah. Oliver Todd hat Camus in seiner faktenreichen 920-seitigen Biographie als einen Dandy, Elegant und Frauenhelden beschrieben - der Philosoph des Absurden als Don Juan. Das konnte ich damals nicht wissen. Als ich damals Camus las, verstand ich auch mehr von Camus als von den Frauen.

Wenn man die französischen Existentialisten auch leicht in ihrem Habitus nachahmen konnte, wenn es auch leicht war, einen schwarzen Rolli zu einem zerlumpten Tweedjackett zu tragen, all diese Äußerlichkeiten waren nicht das, was uns als kleine Exis damals wirklich antrieb. In Paris gewesen zu sein, half auf dem Weg zum Existentialismus. Die Gedichte von Jacques Prévert (hier von Robert Doisneau photographiert) im Original zu lesen, das war das eine (ich konnte alle seine Chansons, die Juliette gesungen hatte, auswendig). Camus zu lesen, das war das andere. Er gab einem Sätze, über die man nachdenken konnte. Wie kläglich war der Philosophieunterricht der Oberstufe gegen sein Werk. Ich las Camus, obgleich ich vieles nicht verstand. Oder falsch verstand. Aber wenn man achtzehn ist, versteht man schon vieles richtig, selbst wenn man es nicht versteht. Man kann nicht leben, wenn das Leben keinen Sinn hat.

Camus' Roman Der Fremde habe ich verschlungen, auch wenn sich die Figur des Meursault im Roman eines Tages dank Lucchino Visconti in Marcello Mastroianni verwandelte. Damals wusste ich noch nicht, dass sich Camus für seinen Roman reichlich bei James Mallahan Cains The Postman Always Rings Twice bedient hatte. Denn die Werke des roman noir hat er, wie viele Franzosen und Italiener (was wäre der italienische Neorealismus ohne die amerikanische hard-boiled school?) in dieser Zeit, natürlich gekannt. Wenn er in Der Mensch in der Revolte sagt: Der amerikanische Roman sucht seine Einheit dadurch zu finden, daß er den Menschen reduziert, sei es aufs Elementare, sei es auf seine äußerlichen Reaktionen und auf sein Verhalten, dann fügt er noch eine Fußnote hinzu: Es handelt sich natürlich um den ‘harten’ Roman der dreißiger und vierziger Jahre und nicht um die wunderbare amerikanische Blütezeit im 19. Jahrhundert.

Dass Camus zugab, bei Cain abgekupfert zu haben, rührte den Amerikaner wenig. So antwortete er im Paris Interview auf die Frage How did you react to Albert Camus's praise of your writing? mit: He wrote something about me—more or less admitting that he had patterned one of his books on mine, and that he revered me as a great American writer. But I never read Camus. In some ways I'm ignorant. In other ways I'm not. At fiction I'm not. Das Zitat von Camus, dass der amerikanische Roman den Menschen reduziert, sei es aufs Elementare, sei es auf seine äußerlichen Reaktionen, gilt nicht nur für den roman noir, es gilt ebenso für Camus' L'Étranger.

Camus hat 1957 den Nobelpreis für Literatur bekommen, für seine bedeutungsvolle Verfasserschaft, die mit scharfsichtigem Ernst menschliche Gewissensprobleme in unserer Zeit beleuchtet. Den bekam Sartre in Anerkennung seines schöpferischen schriftstellerischen Schaffens, dessen freiheitlicher Geist und dessen Suche nach Wahrheit einen weitreichenden Einfluss auf unser Zeitalter ausgeübt hat später auch. Der hat ihn allerdings abgelehnt (Camus dachte zuerst auch daran), Camus ist nach Stockholm gefahren. Mit dem Nord Express, Flugreisen hatte ihm sein Arzt verboten. Als er die Nachricht vom Nobelpreis erhielt, hat er zuerst seine Mutter in Algier angerufen. Und notierte in seinem Tagebuch: Nobelpreis. Eigenartiges Gefühl der Niedergeschlagenheit und der Wehmut. Als ich 20 war, arm und nackt, habe ich den wahren Ruhm gekannt. Meine Mutter. Vielleicht ist das eine Selbstinszenierung, aber ich finde es eindrucksvoller als Hemingway, der I should have had the damn thing long ago sagt.

Ich habe in meiner Bibliothek viele Bücher in die zweite Reihe gestellt, ich bin als Sammler inzwischen auch in der Lage vieles wegzugeben. Ich stelle sie Harald Eschenburg in einem Pappkarton auf den Tresen, ich will dafür nichts haben, er preist sie preiswert aus. Bücher müssen im Umlauf bleiben. Wenn ich auch mittlerweile auf vieles verzichten kann: die Bücher von Albert Camus stehen immer noch da, wo ich sie sehen und mit einem Griff greifen kann (die Platten von Juliette Gréco auch). Camus' Satz: Ich erbitte ein einziges, und ich erbitte es demütig, obwohl ich weiß, daß es ungeheuerlich ist: gelesen zu werden mit Aufmerksamkeit ist bei mir nicht ungehallt vorbei gegangen.

Dieser Facel Vega hält gerade auf der alten Route Nationale nach Paris bei Kilometer 88 in der Nähe des Dorfes Villeblevin. Er hält an dieser Stelle, weil hier Albert Camus in dem von Michel Gallimard (dem Neffen seines Verlegers) gelenkten Facel Vega gestorben ist. Fünfzig Jahre nach seinem Tod haben französische Facel Vega Fans eine Gedächtnisfahrt entlang der Strecke gemacht, die Camus mit Gallimard fuhr. Als ich das mit dem französischen Autoklub und seiner Gedächtnisfahrt (man hatte offensichtlich nicht genug Facel Vegas, so fuhr auch ein Rolls Royce Silver Shadow und eine DS aus dem Jahre 1956 mit) entdeckte, dachte ich mir zuerst how daft can you get? Aber dann überlegte ich mir, dass diese absurde Veranstaltung für den Philosophen des Absurden doch irgendwie passend sei. Absurder geht es nicht.

But this invites the occult mind, Cancels our physics with a sneer, sagt Karl Shapiro in seinem Gedicht Auto Wreck. Camus soll eine Eisenbahnfahrkarte nach Paris in der Tasche gehabt haben. Er ist in seinem Leben viel gereist, aber er mochte das Autofahrten nicht so sehr. Vor allem nicht das schnelle Fahren, der Facel Vega war über 200 km/h schnell. Als er den Nobelpreis erhielt, hatte ihn ein Autohändler angerufen, um ihm den Stolz Frankreichs, den neuen  Citroen DS, zu verkaufen.

Camus besaß einen alten Citroen Traction Avant, den man damals auch das Gangsterauto (der mit der Selbstmördertür) nannte. Einer derjenigen, die den Traction Avant entwickelt hatten, war übrigens Jean Daninos, dem später die Firma Facel Vega gehörte (so hängen Camus' altes Auto und Gallimards neuer Facel Vega doch irgendwie zusammen). Mit Camus' altem Citroen konnte man nicht besonders schnell fahren, der Satz Marinettis, dass ein Rennwagen schöner sei als die Nike von Samothrake, wäre ihm fremd gewesen. Camus gehörte nicht zu den Schriftstellern, die den Nervenkitzel liebten. Wie Françoise Sagan, die 1957 beinahe in ihrem Aston Martin gestorben wäre. Oder Roger Nimier, den die Presse Frankreichs James Dean taufte, der 1962 in seinem Aston Martin starb. Tröstet es uns, wenn wir wissen, dass Camus' Arzt nach seinem Tod der Nachwelt versicherte, Camus hätte wegen des angegriffenen Zustands seiner Lungen sowieso nicht mehr lange zu leben gehabt?

.. und offen gab 
mein Herz, wie du, der ernsten Erde sich, 
der leidenden, und oft in heilger Nacht 
gelobt ichs dir, bis in den Tod 
die Schicksalsvolle furchtlos treu zu lieben 
und ihrer Rätsel keines zu verschmähn. 
So knüpft ich meinen Todesbund mit ihr.

Das hatte Camus, Hölderlin zitierend, dem Buch Der Mensch in der Revolte vorangestellt. Das Motto von Der Mythos des Sisyphos stammte von Pindar: O mon âme, n ́aspire pas à la vie immortelle, mais épuise le champ du possible. Das Mögliche geht für den Mann, dessen erstes Werk Der glückliche Tod hieß, bei Kilometer 88 der Route Nationale zu Ende. Die Unsterblichkeit kommt später.

Was sagen nach diesem Tod? Camus' Gegner Jean Paul Sartre, redete in seinem Nachruf das Zerwürfnis klein: Wir hatten uns überworfen, er und ich: aber ein Zerwürfnis besagt nichts - selbst wenn man sich niemals wiedersehen sollte -, höchstens eine andere Art 'miteinander' und ohne sich aus den Augen zu verlieren, in dieser engen Welt zu leben, in die wir gestellt sind. Er nannte den Unfall ein Skandalon, weil er uns mitten in der Welt vor Augen führt, wie absurd unsere dringendsten Forderungen sind und schrieb: Selten haben die Anlage eines Werkes und die Erfordernisse des geschichtlichen Augenblicks so eindeutig verlangt, dass ein Schriftsteller am Leben bleibe. Für alle, die ihn liebten, liegt in diesem Tod etwas unerträglich Absurdes. Aber wir werden lernen müssen, dieses verstümmelte Werk als ein Ganzes zu sehen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das nicht eine letzte Bosheit gewesen ist. Immerhin sagte Sartre, der den pied-noir Camus einst als algerischen Gassenjungen abgetan hatte, als ihm sein Sekretär Jean Cau die Nachricht von Camus' Nobelpreis überbrachte: Er hat ihn verdient.

William Faulkner, der im Jahre 1951 noch in einem Interview bekennen musste, dass er noch nie etwas von Camus (der jener gerade als den wichtigsten lebenden Schriftsteller bezeichnet hatte) gelesen hatte, hat den Franzosen, der sein Requiem for a Nun in Frankreich auf die Bühne brauchte, dann eines Tages doch gelesen. In den Interviews an der University of Virginia antwortete er auf die Frage I know that this year’s Nobel Prize winner is a great admirer of yours, and I wonder if you could—what is your impression or thoughts of Camus as a writer? If you’re acquainted with him, [...]? Folgendes:

Yes, I know Camus best, and I—I think highest of him. He is—is one man that—that has—is doing what I have tried always to do, which is—is to search, demand, ask always of—of one’s own soul. That is my reason for saying that he is the best of the living Frenchmen, better than Sartre or the others. Malraux was a—he became obsessed with politics. But Camus has stuck to his principles, which was always to search the soul, which I think is—is the writer’s first job. To search his own soul, to give a proper moving picture of man in—in the human dilemma. Als Camus den Nobelpreis erhielt, schickte ihm Faulkner ein Telegramm nach Stockholm. Und als die Nouvelle Revue Française ihn nach dem Tod von Camus um einen Nachruf bat, hat er den bereitwillig geschrieben.

Er scheint Sartres Nachruf gelesen zu haben, er nimmt den Gedanken mit dem verstümmelten Werk wieder auf, aber was er sagt, geht weiter und tiefer als Sartre: People will say Camus died too young; he did not have time to finish. But it is not How long, it is not How much; it is, simply What. When the door shut for him, he had already written on this side of it that which every artist who also carries through life with him that one same foreknowledge and hatred of death, is hoping to do: I was here. He was doing that, and perhaps in that bright second he even knew he had succeeded. What more could he want?