Freitag, 6. Februar 2015

Palladio


Es war kurz vor der Doktorprüfung, als ich den Vortrag eines Professors über Palladios Villa Rotonda besuchte. Der Vortragende würde der Beisitzer in meiner Prüfung sein, das wusste ich schon. Da konnte es nicht schaden, dass ich mich da mal sehen ließ (obgleich ich immerhin schon das ganze Semester lang seine Palladio Vorlesung besuchte). Es war eine Veranstaltung, zu der die Dante Aligheri Gesellschaft eingeladen hatte, die an diesem Abend zu fünfundneunzig Prozent aus älteren Damen bestand. Der Vortrag war ganz nett, es gab viele Farbdias.

Vor einem halben Jahrhundert war man im Fach Kunstgeschichte mit farbigen Bildern in Vorlesungen oder bei Vorträgen nicht so verwöhnt, sie waren meistens schwarz-weiß. Die Glasplatten wurden von der Photographin des Instituts in den Projektor gelegt, wenn der Professor vorne in der Dunkelheit mit dem Stöckchen klopfte. Manchmal legte die Photographin die Platten zum Zorn des Professors auch falsch herum ein. Ein Student am Warburg Institute, der bei seinem Referat die Dias ständig seitenverkehrt einlegte, musste sich von dem berühmten Professor Ernest Gombrich einmal sagen lassen, dass das Leben eines Kunsthistorikers damit beginnt, die Bilder richtig zu präsentieren.

An diesem Abend war aber alles richtig. Doch am Ende des Vortrags wollte der Vortragende seine Ausführungen mit einem Goethezitat beenden, das machte man ja gerne in dieser Zeit. Goethe ist immer gut. Da werden dann meist keine Fragen mehr gestellt. Als er das Bild der Villa Rotonda abgeblendet hatte und im dunklen Saal mephistomäßig nur noch von der kleinen Lampe des Pultlichts erleuchtet wurde, hatte er das Goethezitat verlegt.

Er hat mehrere Minuten hektisch im Lampenschein danach gesucht, das war sehr komisch. Der schöne kalkulierte Goethe Effekt, auf den er hingearbeitet hatte, war zum Teufel. Die Verehrer von Goethe assoziieren bei der Namensnennung der Rotonda immer ihren Lieblingsdichter, das ist wie beim Pawlowschen Hund. Opernfreunde assoziieren mit der Villa vielleicht Joseph Loseys Don Giovanni Film (✺hier ganz zu sehen). Und für die Engländer kann die Villa Almerico Capra wieder etwas ganz anderes bedeuten.

Johann Wolfgang von Goethe hatte sich in Padua eine Faksimile Ausgabe der Quattro libri dell’architettura gekauft und schrieb in das Tagebuch seiner Italienischen Reise: Endlich habe ich die Werke des Palladio erlangt, zwar nicht die Originalausgabe, die ich in Vicenza gesehen, deren Tafeln in Holz geschnitten sind, aber eine genaue Kopie, ja ein Faksimile in Kupfer, veranstaltet durch einen vortrefflichen Mann, den ehemaligen englischen Konsul Smith in Venedig. Das muss man den Engländern lassen, dass sie von lange her das Gute zu schätzen wussten, und dass sie eine grandiose Art haben, es zu verbreiten.

Goethe war von Palladio begeistert, nach der ersten Lektüre der Quattro libri dell’architettura schreibt er an Frau von Stein: Ich sah in Verona und Vicenz was ich mit meinen Augen ersehen konnte, in Padua fand ich erst das Buch, jetzt studier ich's und es fallen mir wie Schuppen von den Augen, der Nebel geht auseinander und ich erkenne die Gegenstände. Und was Goethe sonst noch über die Villa Almerico Capra geschrieben hat, können Sie hier lesen. Falls Sie mal ein Zitat für einen Vortrag über Andrea di Piero della Gondola, den man Palladio nennt, brauchen sollten.

Der Konsul Smith, den Goethe hier erwähnt, heißt Joseph Smith. Er ist Kunstfreund und Kunstsammler (und eine Art Banker für alle Engländer auf ihrer Grand Tour). Er verehrt Palladio, deshalb hat er 1768 dessen Architekturbücher nachdrucken lassen. Schöner als im Original. Auf besserem Papier und mit Kupferstichen statt der originalen Holzschnitte. Das Bild im oberen Absatz hat Smith sich von Antonio Visentini und Francesco Zuccarelli malen lassen. George III hat ihm das Bild 1762 abgekauft. Es sieht aus wie die Villa Rotunda, ist es aber nicht. Diese Photographie des selben Hauses aus den dreißiger Jahren zeigt noch einmal die Villa, die der Rotonda so ähnlich sieht.

Der Landsitz heißt Mereworth Castle, es ist ein beinahe originalgetreuer Nachbau, den Colen Campbell (der Architekt von Lord Burlington) in den 1720er Jahren für den Earl of Westmorland gebaut hatte. Die Palladio Begeisterung der Engländer im 18. Jahrhundert nimmt schon erstaunliche Formen an (der von Thomas Wright 1754-7 gebaute Nuttall Temple wurde leider 1929 abgerissen). Wir können auch sehen, dass Palladios Villa nicht an die Landschaft Venetiens gebunden ist, sie fügt sich ebenso harmonisch in einen englischen Landschaftsgarten (zu dem es hier einen langen Post gibt) ein.

Es ist ein Zusammentreffen von Gegensätzen. Erwin Panofsky hat in einem witzigen Aufsatz mit dem Titel The ideological antecedents of the Rolls-Royce radiator auf die gerade, klare Gliederung der Villen des Palladian Style hingewiesen (und der Rolls-Royce Kühler verdankt Palladio ja auch vieles), die in völligem Gegensatz zu der gewollten Unordnung der Natur des englischen Landschaftsgarten steht.

Die Villa mag italienisch sein, der Garten ist englisch. Und darauf lassen die Engländer nichts kommen. Wie Thomas Gray so schön sagte: The only proof of our original talent in matter of pleasure is our skill in gardening and the laying-out of grounds. And this is no small honour to us, since neither Italy nor France has ever had the least notion of it, nor yet do the least comprehend it when they see it. It is very certain, we copied nothing from them, nor had anything but nature for our model. Dass man die Analogie zwischen Palladio und dem Rolls-Royce Kühler noch weiter treiben kann, hat der Schweizer Photograph Leonardo Bezzola mit dieser Photomontage von Palladios Villa Badoer und dem Kühler eines Rolls Royce Silver Ghost gezeigt. Das ist sicherlich ein wunderbares Beispiel für das, was Aby Warburg mit dem Terminus Bilderfahrzeuge gemeint hat.

Das hier ist auch nicht die Rotonda. Was wie eine missratene Sparversion von Palladios Villa aussieht, ist die Villa Pisani von Vincenzo Scamozzi (sie ist das Vorbild für den oben erwähnten Nuttall Temple gewesen). Scamozzi stellte nach Palladios Tod noch einige Bauten wie das Teatro Olimpico fertig. Er ist als Architekturtheoretiker wohl wichtiger denn als Baumeister, obgleich er sich selbst immer als bedeutender als Palladio empfand. Was er nicht ist. Er kann nicht einmal besonders gut seinen Lehrer imitieren.

Das haben über die Jahrhunderte viele gekonnt. Es gibt kaum einen Architekten, der so häufig kopiert, imitiert und zitiert wurde wie Andrea Palladio. Man kann immer noch mit den Formelementen seiner Architektur schöne Häuser bauen. Dies hier ist die Kathedrale von Brentwood, 1989 bis 1991 nach Plänen von Quinlan Terry (der schon in dem Post Jacob van Campen erwähnt wird) in Formen der italienischen Renaissance und des englischen Barock erbaut.

Ich weiß nicht, ob dieses postmoderne Zitieren gut oder schlecht ist. Manchmal ist es schlichtweg lächerlich. So wie Philip Johnsons Sony Hochhaus. Aber manche Bauten wirken auch sehr überzeugend palladianisch. So wie diese mit Loggien (die Palladio liebte) versehene Ranch in Montecito. Dort erwartet man normalerweise eher Häuser von Frank Lloyd Wright (der hier einen Post hat), aber nicht Imitationen von Andrea Palladio. Aber irgendwie geht das Ganze harmonisch auf.

Wenn heute die meisten Architekten auf die Bausteine eines Lego Baukastens zurückgreifen, bedienten sich die Baumeister, die eine Wiedergeburt (re-naissance) der Antike wollten, aus dem klassischen Formenkatalog der Antike. Säulen, Tympanon, Portikus und griechische Tempelfronten wurden wieder hervorgeholt. Und das von Palladio gerne verwendete Venezianische Fenster (das auch Palladio-Motiv oder Serliana heißt) geht auf den Triumphbogen zurück (ich habe hier eine interessante Seite des Center for Palladian Studies in America über Palladios Bauelemente). In der Rotonda zieht Palladio alle Register. Normalerweise hat eine Villa eine Schauseite, die Villa Rotonda hat vier. Das Haus ist nach außen gebaut, Schaustück einer Idealarchitektur. Nicht unbedingt zum Wohnen. Just for show. Was Palladio zu den Gardinen in dem Fenster links gesagt hätte, weiß ich jetzt nicht.

Palladio ist der erste, der eine Kuppel (die bei der Rotonda zuerst noch oben offen war) für einen Profanbau verwendet. Es sollte bei aller Begeisterung für Palladios Villen nicht vergessen werden, dass er auch Kirchen gebaut hat. Rudolf Wittkower sagt in seinem Buch Architectural Principles in the Age of Humanism (dt. bei dtv: Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus), dass wir nicht vergessen sollten, dass der Kirchenbau auch einen Einfluss auf die Profanbauten in dieser Zeit hat:

Der Glaube an die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos, an die harmonische Struktur des Weltalls, an die Anschauung Gottes unter den mathematischen Symbolen der Mitte, des Kreises, der Sphäre - all diese eng miteinander verknüpften Gedanken, die ihre Wurzeln in der Antike haben und zu den unbestrittenen Glaubenssätzen mittelalterlicher Philosophie und Theologie gehörten, kamen in der Renaissance zu neuem Leben und fanden sichtbaren Ausdruck in der Renaissancekirche. 

Die von Menschen geschaffenen Formen der Körperwelt waren die Vergegenständlichung mathematischer, der Geisteswelt angehöriger Symbole, und die Verknüpfung zwischen den reinen Vorstellungen der absoluten und der stofflichen Formen der angewandten Mathematik war sinnlich direkt wahrnehmbar. Für die Menschen der Renaissance war diese Architektur mit ihrer klaren Geometrie, ihrer strengen Anmut, ihrem harmonischen Wohlklang und vor allem der Pracht der sphärischen Kuppel, ein Abglanz, ja noch mehr, eine Offenbarung göttlicher Vollkommenheit, Allmacht, Wahrheit und Güte.

Die Tür ist offen, wir können eintreten. Hier in den lichtdurchfluteten Eingangssaal der Villa Cornaro. Die Besitzer erlauben uns das, sie wohnen selbst hier. Dazu später mehr. Ich fange mal mit einigen Büchern zu Palladio an. Und nein, das soll kein ausführlicher Literaturbericht über die Palladio Forschung werden, ich komme mit wenigen Titeln aus. Man braucht sicherlich den Fotobildband A Venetian Concert (mit vier Musik CDs) nicht unbedingt, ich erwähne den nur, weil er mir gerade in die Hand fiel. War für mich eine Erinnerung daran, dass ich endlich über Palladio schreiben wollte.

Meine erste Buchempfehlung ist Lionello Puppis voluminöses Werk Andrea Palladio: Das Gesamtwerk, das bei der Deutschen Verlags Anstalt erschienen ist. Es gibt davon auch eine gekürzte Studienausgabe, aber eigentlich sollte es schon das ganze Buch mit seinen 569 Seiten sein. Stadtpaläste, Landsitze (wie hier die ➱Villa Godi, einer der ersten Bauten von Palladio), öffentliche Gebäude, Brücken, Kirchen und Theater: alles ist hier drin.

Meine zweite Empfehlung ist ein beinahe fünfzig Jahre alter kleiner (195 Seiten) Band aus der Pelican Reihe The Architect and Society, der bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren hat. Der Autor James Ackerman geht inzwischen auf die hundert zu, ist aber noch quicklebendig. Er hat eine eigene Internetseite, und Sie können hier mehr über ihn lesen. Und ihn hier in einem Interview aus dem Jahre 2010 sehen. Bei den Feiern zum 500. Geburtstag von Palladio hat Venedig ihn zum Ehrenbürger gemacht (Ehrenbürger von Padua war er schon vorher), und er hat 2008 auch einen Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Vendig bekommen. Leider ist das Buch vergriffen, aber man kann es noch antiquarisch finden. Die besten Angebote sind zur Zeit bei booklooker, wo man auch die deutsche Ausgabe dieses Buches findet, die 1980 bei Hatje in Stuttgart erschienen ist.

Meine letzte Literaturempfehlung ist Witold Rybczynskis Das vollkommene Haus: Eine Reise mit dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio. Es ist ein wunderbares, lebendiges Buch, bei dem man die Begeisterung des Autors für sein Thema spüren kann. Man kann das Buch, das im Original den Titel The Perfect House: A Journey with Renaissance Master Andrea Palladio hat, auch als Reiseführer zu den Villen des Architekten gebrauchen. Das Buch macht deutlich, weshalb dieser Baumeister mit seinen Villen in Venetien in fünfhundert Jahren nichts von seiner Bedeutung verloren hat.

In einem Brief von 1816 schreibt Jeffersons Privatsekretär Isaac A. Coles an John Hartwell Cocke: With Mr. Jefferson I conversed at length on the subject of architecture. Palladio, he said ‘was the bible.’ You should get it and stick close to it… Und Jefferson hat sich bei seiner Villa Monticello auch sehr genau an Palladio gehalten. Vielleicht ist der Einfluss Palladios nirgendwo so groß gewesen wie in Amerika. Wir brauchen nur an das Weiße Haus zu denken. Mehr zu dem Thema findet man in dem vorzüglichen Buch von Baldur Köster Palladio in Amerika. Das habe ich schon in dem Post 18th century: Architecture erwähnt. Und ich habe hier noch einen kleinen ✺Film zu dem Thema, den James Ackerman und John Terry gedreht haben.

Die Villa La Rotonda liegt auf einem Hügel, der Architekt war von der Lage begeistert: Die Lage gehört zu den anmutigsten und erfreulichsten, die man finden kann. Das Haus liegt auf einem leicht zu besteigenden Hügel, der auf der einen Seite vom Bacchiglione, einem schiffbaren Fluß, begrenzt wird, und auf der anderen Seite von weiteren lieblichen Hügeln umgeben ist, die wie ein großes Theater wirken.

Die Straße im Vordergrund des Bildes oben gehörte nicht zur Planung Palladios. Der Fiat 500 auch nicht. In England wäre hier ein großer Landschaftsgarten um einen Landsitz. Und wenn da ein Auto stände, dann wäre es ein Rolls. Und das muss natürlich ein Silver Wraith mit der Karosserie von Hooper sein. Eine von Mulliner Park Ward geht gar nicht.

Ein Kuppelbau (der zuerst oben offen war) in der Mitte, vier identische Portiken drumherum (die Proportionen entsprechen übrigens musikalischen Intervallen). Kann man hier wirklich wohnen? Vitruvs Forderung der utilitas, der Nützlichkeit, scheint Palladio hierbei nicht interessiert zu haben (bei anderen Villen schon). Das ist auch Goethe sofort aufgefallen, wenn er schreibt: hier konnte der Baumeister machen was er wollte und er hats beynahe ein wenig zu toll gemacht... Er hat noch mehr zu kritisieren: Inwendig kann man es wohnbar, aber nicht wohnlich nennen. Der Saal ist von der schönsten Proportion, die Zimmer auch; aber zu den Bedürfnissen eines Sommeraufenthalts einer vornehmen Familie würden sie kaum hinreichen.

Aber Signore Paolo Almerico, der referendario apostolico von Pius IV und Pius V, ist trotzdem hierher gezogen. Er hat aber zu seinen Lebzeiten (ebenso wie der Architekt) die Villa nicht im vollendeten Zustand gesehen. Es sollte nicht verheimlicht werden, dass sein illegitimer Sohn (auch so etwas gibt es bei Klerikern) die Villa (die eigentlich noch eine Baustelle ist) nach dem Tod des Vaters an die Brüder Odorico und Mario Capra verkaufte, weshalb sie manchmal auch Villa Almerico Capra heißt.

Nicht alles an der Architektur einer Villa kann schön sein, versichert uns Palladio im Buch II der Quattro libri dell'architettura: Denn wie auch im menschlichen Körper einige edle und schöne Teile und einige eher unedle und häßliche anzutreffen sind, die für jene offensichtlich außerordentlich notwendig sind und ohne die die ersteren nicht sein könnten, so müssen auch in den Bauwerken neben einigen ansehnlichen und ehrenvollen auch einige weniger elegante Gebäudeteile vorhanden sein, von denen die erstgenannten jedoch nicht unbeeinflußt bleiben können und die so einen Teil ihrer Würde und Schönheit einbüßen. 

Aber Gott der Herr hat die Teile, die am schönsten sind, an jene Stellen gesetzt, auf die der Blick zuerst fällt, die weniger ehrenvollen Teile aber an versteckte Orte. Und so ordnen auch wir beim Bauen die hauptsächlichen und ansehnlichsten Gebäudeteile offen und die weniger schönen an den unseren Augen am verborgensten liegenden Stellen an, damit so alle Häßlichkeiten des Hauses und all jene Dinge, die einen in Verlegenheit bringen und die die schönen Teile häßlich machen würden, untergebracht werden können. Und wenn da mal kein Fenster ist, dann malt Paolo Veronese eins an die Wand.

Viele der Villen Palladios sind nicht einfach eine Casa di Villa, die der Architekt aufs Land versetzt hat, obgleich es diesen Typ natürlich gibt. Viele sind das Hauptgebäude eines landwirtschaftlichen Betriebes (fattoria). Alles, was links und rechts des quadratischen Hauses der Villa Emo ist, gehört zur fattoria. Die beiden Taubenhäuser links und rechts inklusive. In diesem Zusammenhang muss ich mal eben das Wort villeggiatura einführen. Klingt eleganter und eindrucksvoller als Stadtflucht, aber es ist eine Stadtflucht, die Adel und Großbürgertum der Renaissance sich jetzt erlauben. Vielleicht, weil sie auf dem Land ein neues Arkadien zu finden hoffen, wie man es manchmal lesen kann. Vielleicht auch nur, weil sie die Stadt leid sind.

Aber vielleicht eher deshalb, weil man mit dem Bau einer Villa außerhalb von Venedig auch den Machtanspruch auf das Land jenseits der wasserumspülten Lagunenstadt demonstrieren will. Der Beginn für die villegiatura könnte man mit dem Jahre 1433 ansetzen, wo Venedig vom Kaiser Sigismund von Luxemburg die Terraferma als seinen Besitz zugesprochen bekommt. Ein Buchtitel wie Die Villa als Herrschaftsarchitektur macht das deutlich. Das Buch von Reinhard Bentmann und Michael Müller erschien 1970 in Suhrkamps Regenbogenreihe (hier das Cover der Neuauflage bei Syndikat) und hat den Untertitel Versuch einer kunst- und sozialgeschichtlichen Analyse. Die Betonung des letzteren war den Autoren damals wichtig, 1968 war gerade vorbei, da musste eine gesellschaftspolitische Komponente hinein.

Wobei man sagen muss, dass das nicht gerade revolutionär neu war. Dass die Kunstgeschichte etwas mehr als mehr als architektonische Formensprache und emphatische Begeisterung à la Goethe ist, hatte schon die Pelican Reihe mit dem society im Titel der Reihe The Architect and Society deutlich gemacht. Das erkennen Bentmann und Müller auch durchaus an. Ihr wirklich substantielles Buch hat mehrere Auflagen erlebt und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Das Bild hier zeigt die Villa Barbaro in Maser mit den barchessen links und rechts, die natürlich für die fattoria sind.

Das Bild oben über dem Landschaftsbild von Veronese und dieses Bild hier zeigen die Villa Saraceno, die in einem beinahe abbruchreifen Zustand war. 1989 kaufte eine private Organisation das Gebäude und ließ es umfassend von der englischen Firma John Francis Bucknall restaurieren. Der Käufer war kein italienischer Mäzen, keine italienische Organisation, es war ein Engländer. Und hier kommt wieder einmal der Name Smith ins Spiel.

Goethe, der Joseph Smiths Grab auf dem Lido 1786 besuchte, schrieb in seiner Italienischen Reise: Auf dem Lido, nicht weit vom Meer, liegen Engländer begraben, und weiterhin Juden, die beiderseits in geweihtem Boden nicht ruhen sollten. Ich fand das Grab des edlen Konsul Smith und seiner ersten Frauen; ich bin ihm mein Exemplar des Palladio schuldig und dankte ihm auf seinem ungeweihten Grabe dafür. Und nicht allein ungeweiht, sondern halbverschüttet ist das Grab. Das Lido ist immer nur wie eine Düne anzusehen; der Sand wird dorthin geführt, vom Winde hin und her getrieben, aufgehäuft, überall angedrängt. In weniger Zeit wird man das ziemlich erhöhte Monument kaum wiederfinden können. Diesen Giovanni Bellini, der Joseph Smith gehört hatte, kaufte nach seinem Tod ein anderer englischer Kunstfreund und Architekturliebhaber: William Beckford. Der hat hier natürlich einen Post.

Joseph Smith hatte sein Geld im Bankgeschäft gemacht, Sir John Lindsay Eric Smith, CH, auch. Er kommt aus einer Familie von Bankiers, aber er ist auch ein Philantroph und Kunstfreund, der von 1952 bis 1995 einer Vielzahl von Ausschüssen des National Trust angehörte. 1965 gründete er seinen eigenen Trust, den Landmark Trust. Der kümmert sich wie der National Trust um historische Bauwerke. Ist aber ein klein wenig anders: der Landmark Trust lässt Interessenten darin wohnen. Gegen angemessene Bezahlung.

Die Einnahmen wandern nicht in die Tasche von Sir John, damit werden die Unterhaltskosten getragen. Einer der ersten, der sich in der Villa Saraceno einmietete, war der amerikanische Professor Witold Rybczynski, der gerade sein Buch über Palladio schrieb. Und er wollte unbedingt einmal in einer Palladio Villa wohnen. Im Kapitel Palladios Geheimnis von Das vollkommene Haus: Eine Reise mit dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio hat er darüber geschrieben. Der Landmark Trust hat bei der Gelegenheit auch die zum Landgut gehörenden ehemaligen Bauernhäuser saniert (die allerdings nicht von Palladio entworfen worden waren) und sie als Ferienhäuser eingerichtet. 

Inzwischen ist die Villa (zusammen mit anderen Villen Palladios) zum Weltkulturerbe erklärt worden. Und wenn Sie die Villa buchen wollen, klicken Sie hier. Die Schlafzimmer sind unter dem Dach, da wo früher das Gesinde gewohnt hat. Im Untergeschoss waren Wirtschaftsräume und Weinkeller, das piano nobile war die Bühne für die Repräsentation. Hier könnte Don Giovanni sein Fin ch'han dal vino singen.

Für die Privatinitiative bei der Renovierung einer Palladio Villa hätte ich noch ein anderes Beispiel: Ein Ehepaar aus Atlanta, Carl and Sally Gable, suchte ein Wochenendhaus in den White Mountains von New Hampshire oder in Vermont. Da stieß Sally Gable im New York Times Magazine auf ein Verkaufsangebot für die Villa Cornaro in Venetien. Lassen wir Sally Gable mal eben selbst sprechen:

I begin to thumb the pages where ads appear for grand houses on Long Island and penthouses in Manhattan, and occasionally for summer houses in New England. I have chosen a bad week for New England summer homes, however; not a single one is listed. In the midst of my disappointment, my eye stops at an unusually unattractive ad from a Greenwich, Connecticut, realtor for a villa in the Veneto region of Italy, a villa allegedly designed by Andrea Palladio, the most influential figure in the history of western architecture. Frankly, the whole thing seems implausible, but an interesting coincidence nonetheless. The coincidence lies in the fact that Carl and I had made plans several months earlier for a July visit to the Palladian villas in the Veneto. Our friends from London, Judith and Harold, are to meet us there. With a “Ha!” I show the ad to Carl and tell him that if I don’t find the right spot in New England, we can always settle for our own Palladian villa.

Die Villa Cornaro ist wohl die Villa Palladios, die am längsten im Besitz der Familie des Erbauers war. 253 Jahre gehörte sie den Cornaros, danach drei anderen Familien. Dass während des Krieges hier deutsche Offiziere wohnten, lassen wir mal eben aus. In den 1950er Jahren war die Villa der Kindergarten der Gemeinde. Etwas, wovon Palladio wohl nie geträumt hat. Danach stand sie für Jahre leer. 1969 hat sie Richard H. Rush aus Greenwich (CT) gekauft, der auch ein Buch mit dem Titel Art as an Investment geschrieben hat. Mr und Mrs Rush haben dann in die Villa zwanzig Jahre Arbeit investiert. Sie können ➱hier alles dazu lesen. Es war später gar nicht so leicht, das Objekt wieder loszuwerden. Aber das Ehepaar aus Atlanta schien für das Ehepaar Rush der richtige Käufer zu sein, selbst wenn sie nicht so viel boten wie andere Interessenten.

Die Gables haben die Villa gekauft. Inklusive der Möbel. Sie brauchten nur ihre Zahnbürsten mitzubringen, alles andere war da. Sie haben noch einiges an Arbeit hineingesteckt. Und dabei Italienisch gelernt. Das Ehepaar weiß jetzt alles über Palladio. Carl Gable ist mittlerweile einer der Direktoren des Center for Palladian Studies in America. Seine Frau Sally Gable hat dann ein Buch über das italienische Abenteuer geschrieben (Sie können hier den Anfang lesen): Palladian Days: Finding a New Life in a Venetian Country House. Es ist ein schönes Buch, voll von warmherzigem Humor. Wenn Sally zum ersten Mal nach Venetien fliegt, um sich die Villa anzusehen, sagt ihr Gatte zu ihr: Remember, the lady of a villa is called a villainess.

Etymologisch ist das nicht so ganz richtig, schon im Mittelenglischen, wohin das französische vilein gewandert ist, hat das Wort eine negative Bedeutung (die das französische vilain und das italienische villano ebenso wie das englische villain heute noch haben). Nein, eine villainess finden wir eher in der Gothic Novel, nicht in einer Villa von Palladio. Zwar wurden in dem Year without a summer, Gothic Novels in einer Villa geschrieben, aber die Villa Diodati hat Palladio nicht gebaut.

Die Links im Text sind heute in dem Post das Beste. Lesen Sie auch: ➱Lord Burlington, ➱Inigo Jones, ➱Robert Adam, ➱18th century: Architecture.

Montag, 11. August 2014

Hemlink


Er hat Hölderlin gekannt, der Dichter Wilhelm Waiblinger. Seine erste Begegnung mit Hölderlin hat er mit neunzehn Jahren in den Roman Phaeton geschrieben, später hat er noch das Buch Friedrich Hölderlin’s Leben, Dichtung und Wahnsinn verfasst. In seiner Studienzeit hat er Eduard Mörike kennengelernt, mit dem war er befreundet. Mörike hat auch Waiblingers Gedicht Hemlink's St Christophorus etwas bearbeitet. Das Hemlink im Titel hat er aber gelassen. Wir kennen den Maler besser als Hans Memling, der heute vor 520 Jahren in Brügge starb. Reich und berühmt. In alten Urkunden heißt er auch Jan van Mimmelynghe oder Johannes Memmelinc. Er ist kein belgischer Maler, obwohl er seit 1465 das Bürgerrecht von Brügge besaß, er ist in Seligenstadt geboren. Wo man im frühen 16. Jahrhundert noch Messen für ihn gelesen hat. So berühmt war er damals, auch wenn man ihn danach beinahe völlig vergessen hat. Um ihn im 19. Jahrhundert wiederzuentdecken. Waiblinger schreibt sein Gedicht Hemlink's St Christophorus also sozusagen während einer Memling Renaissance:

Zum Gegenufer glücklich zu gelangen, 
Durchschreitet kühn des Stromes Wellentoben 
Der graue Riese, von dem Ast gehoben, 
Von eines Knaben kleinen Arm umfangen. 
Das Jesuskind mit reinen Jugendwangen , 
Von Mild' und Kindlichkeit und Ernst umwoben 
Frei auf des Riesen Nacken, streckt nach oben 
Die Fingerchen, Verklärung zu empfangen.

Doch wächst die Last und will ihn schier erdrücken. 
Trag' ich die Welt? so stöhnt er in den Wellen: 
Du trägst sie! ich bin Jesus Christ und wähle 
Zum Heil'gen dich. Im schaudernden Entzücken 
Sieht er die Berg im Frühroth sich erhellen, 
und Licht auch wird's zumal in Christophs Seele.

Waiblinger hat sein Gedicht mit einer Fußnote versehen: Dieses herrliche Bild des deutschen Malers ist eine Zierde der Boisserée'schen Sammlung in Stuttgart. Dorthin ist die Sammlung der Brüder Sulpiz und Melchior Boisserée 1819 gelangt. Acht Jahre später verkauften die Brüder 216 Gemälde an den bairischen König. Für die stolze Summe von 240.000 Gulden. Aber die Bilder hatten einen unschätzbaren Wert. Da waren Werke aus der Kölner Schule wie Stefan Lochner (der vielleicht ein Lehrer von Memling war) und der Meister des Marienlebens. Dann solche Hauptwerke der altniederländischen Schule wie Rogier van der Weydens Columba Altar, Dieric Bouts' Perle von Brabant und Hans Memlings Sieben Freuden Mariens (Bild).

Jedes Museum würde sich heute die Finger danach lecken. Was man in München aber nicht hat - und was Wilhelm Waiblinger nicht kannte - ist eine viel großartigere Darstellung des Christophorus, die Mitteltafel des Triptychons des Willem Moreel, das heute natürlich in Brügge ist. Eine spätere Auflage der Gedichte von Waiblinger hat neben dem Hinweis auf die Boisseréeschen Sammlung noch den Zusatz jetzt k. baier'sche Gemäldesammlung. Aber da scheint es nicht zu sein. Das Bild ganz oben hängt in Cincinnati und hat einmal dem holländischen König Wilhelm II gehört. Welchen Christophorus hat Waiblinger also gesehen?

Im 19. Jahrhundert findet sich neben dem falschen Namen Hemeling auch in beinahe jeder Schrift zu Memling die Legende, dass er sich nach der Schlacht von Nancy schwerverletzt vor die Pforten des St Jans Hospitals in Brügge geschleppt habe. Und die Ordensschwestern ihn gesund gepflegt haben. Und dem Rekonvaleszenten Pinsel und Farbe in die Hand gedrückt haben, damit er schneller gesund werde. Und dann hat er zum Dank den berühmten Ursula Schrein gemalt. Es ist eine schöne Geschichte, aber ich fürchte, dass nichts davon wahr ist.

Der Offerus, der zu Christ-Offerus wird, ist in vielen Legenden erhalten, deren bekannteste Version wohl wie Legenda Aurea ist. Der Heilige (hier ein Gemälde von Hieronymus Bosch) hat der bei den altniederländischen Malern im 15. Jahrhundert Konjunktur. Allerdings hat Rogier van der Weyden, der der Lehrer von Memling gewesen ist, keinen Christophorus gemalt. Über den könnte ich nun sehr viel schreiben, denn er war einmal ein Thema in meinem Rigorusum, und die Bücher über ihn stehen alle vor mir im Regal. Falls Sie an dieser Stelle gerne eine Leseempfehlung zur altniederländischen Malerei haben wollen, den gibt es hier gratis. Die vierzehn Bände von Max J. Friedländer werden allerdings für den normalen Leser zu viel sein.

Obgleich Friedländer, der einmal sagte: Ich bin in Berlin zweihundert Meter vom Museum entfernt geboren und zweimal in der Schule sitzen geblieben, weil ich mich zu ausgiebig in der Bildergalerie aufhielt, immer sehr gut schreibt. Aber Erwin Panofskys Early Netherlandish Painting (zwei Bände), das sollte es schon sein, gibt es auch auf deutsch. Auch sehr gut ist Hans Belting und Christiane Kruse Die Erfindung des Gemäldes: Das erste Jahrhundert der niederländischen Malerei. Ist leider so gut wie unbezahlbar. Dieser Christophorus ist von Konrad Witz, einem Maler, der sicher von den Niederländern gelernt hat. In seinem Bild vom Wunderbaren Fischzug hat Witz den See Genezareth in den Genfersee verwandelt. Die erste topographisch genaue Landschaftsdarstellung in der europäischen Malerei.

Die altniederländische Malerei schmuggelt jetzt immer mehr Landschaft in die Bilder von Heiligen oder Szenen aus der Heiligen Schrift. Genügte Meister Francke noch ein goldener oder roter Hintergrund, können wir jetzt Felsen und Städte sehen. Ganze Weltlandschaften finden Platz auf den Altären, hier der Seitenflügel des Meisters der Perle von Brabant, von dem man annimmt, dass es Dieric Bouts sein könnte. Und da komme ich noch einmal auf Wilhelm Waiblinger zurück. Der Memling, den er in der Boisseréeschen Sammlung in Stuttgart gesehen hat, hat ihn so angezogen hat, dass er sogleich einen in furchtbarer Begeisterung niedergeschriebenen Essay bewirkte. Das mit der furchtbaren Begeisterung schreibt Hans Königer, der Herausgeber von Waiblingers Werkausgabe bei Klett-Cotta. Und der Memling, den Waiblinger bedichtet, ist gar kein Memling. Auch kein Memlink. Nein, es ist diese Seitentafel des Meisters der Perle von Brabant.

Früher glaubte man, dass der Anblick eines Bildes von Christophorus - einem der vierzehn Nothelfer - einen vor dem plötzlichen Tod bewahren. Und so brachte man riesige Bilder des Heiligen an den Außenwänden von Kirchen an. Dieses Bild von Otto Dix aus dem Jahre 1939 ist wahrscheinlich das jüngste der Bilder des Heiligen, der die Last der Welt trägt. Er hilft noch immer, auch wenn es keine großen Bilder mehr an den Kirchenwänden gibt. Er ist der Patron der Reisenden und Autofahrer, manche haben ihren Autoschlüssel an einer Christophorus Plakette. Hilft vielleicht mehr als der ADAC. In dem österreichischen Ort St. Christophen wurde im Juli 1928 erstmals in Österreich ein Auto gesegnet. Seitdem ist der Ort ein Wallfahrtsort für Kraftfahrer Österreichs. Jedes Jahr findet hier eine Autofahrer Wallfahrt statt.

Der Bischof lässt es sich nehmen und kommt in dem, was man im Deutschen einen Oldtimer nennt. Das ist aber wie Handy und Talkmaster ein Wort, das der Engländer dafür nicht gebrauchen würde. Es wäre mir lieb, wenn Sie jetzt mal eben den Wiki Artikel vintage car lesen würden. Und da ich bei schrägen Dingen zum Schluss bin, hätte ich noch einen Horrorfilm mit dem Titel St Christophorus Roadkill anzubieten. Dazu sage ich jetzt gar nichts mehr. Einen Post mit dem Titel Roadkill gibt es hier schon. Und was ich von Horrorfilmen halte, habe ich schon in dem Post Fantasy gesagt.


Sonntag, 4. Mai 2014

automobilia


Irgendwie hatte ich gedacht, es würde noch mehr werden. Aber es sind immerhin 57 Posts geworden. Ich habe mir nämlich einen neuen Blog gebastelt, der automobilia heißt. Hat eine wunderbare Internetadresse und sieht eigentlich ganz nett aus. Wenn ihre Lieblingslektüre das Büchlein Die Autopest von Hanspeter Padrutt ist, dann ist das allerdings nichts für Sie. Wenn Sie Abonnent von Auto Motor und Sport sind, dann wahrscheinlich auch nicht. Es ist auch nichts wirklich Neues, ich habe nur aus dem Blog alle Posts gesammelt, die unter das Thema fallen.

Falls ich jemals dazu komme, über Erwin Panofskys wunderbaren Aufsatz The Ideological Antecedents of the Rolls-Royce Radiator zu schreiben, dann würde das hier natürlich auch stehen. Die Rolls Royce Fans möchte ich aber darauf hinweisen, dass der Titel ein kleiner Etikettenschwindel ist: der berühmte Rolls Royce Kühlergrill mit dem Spirit of Ecstasy kommt lediglich im letzten Absatz des Aufsatzes vor. Denn zuvor geht es um das Vorbild des Kühlers, die Palladian Architecture des 18. Jahrhunderts (Sie könnten dazu jetzt den Post Lord Burlington lesen).

Rolls Royce Liebhaber sind besser bedient mit dem kleinen Buch Rolls-Royce: The Complete Works von Mike Fox und Steve Smith, enthält die besten 599 Rolls Royce Geschichten. Die Geschichte, wie Michael Caine sich seinen ersten Rolls Royce kauft, ist da aber nicht drin. Sie können sie aber hier lesen. Da ich gerade dabei bin, Bücher über Automobile zu empfehlen, will ich Borgward: Ein Blick zurück. Auf Wirtschaftswunder, Werksalltag und einen Automythos von Ulrich Kubisch und Volker Janssen nicht auslassen. Das ist das Katalogbuch (erschienen bei der Elefanten Press) zu einer kleinen Wanderausstellung von Borgward Automobilen gewesen, die ab 1984 in verschiedenen Städten der Bundesrepublik zu sehen war. Habe ich in Kiel in einer großen, leerstehenden Fabrikhalle gesehen.

Dass dies Buch mehrere Auflagen erreicht hat, zeigt, dass es offensichtlich noch viele Verehrer der Isabella, der Traumfrau der fünfziger Jahre, gibt. Dieses Buch schenkt dem Borgward Freund alles, eine Übersicht über alle Modelle aus den Häusern Borgward, Lloyd und Goliath und eine Firmengeschichte von Aufstieg und Untergang. Dazu reich bebildert mit Photographien und Dokumenten. Diesen Borgward RS 1500 aus dem Jahre 1957 wird man auf der Straße wohl vergeblich suchen, aber es hat ihn mal gegeben.

Aber dies ist kein simpler con amore criticism, der einen Automobil Mythos feiert. Es ist im Gegenteil ein höchst kritisches Buch, in dem auch Carl Borgwards Rolle als Wehrwirtschaftsführer im Dritten Reich und der Werkalltag in den Fabriken kritisch unter die Lupe genommen werden. Das Buch gibt auch einen Einblick in die Alltagswirklichkeit des Deutschlands der Nachkriegszeit. Als sich die ersten Deutschen aufmachten, mit dem Leukoplastbomber Italien zu erobern. Es ist ein wunderbare Lektüre, wenn auch für alte Bremer etwas schmerzlich zu lesen. Die Bremer Firma Borgward kommt auch hier mehrfach vor, testen Sie mal das kleine Suchfeld oben links.

Ich könnte natürlich auch einen ausführlichen Literaturbericht über die besten Autobücher schreiben. Das wäre natürlich viel Arbeit. Aber nicht unmöglich, sie stehen bei mir nebeneinander im Regal. Automobil und Kunst wäre ein schönes Thema. Denn bevor uns die Industrie im Fernsehen mit Videos überflutete, die so sophisticated sind, dass wir sie kaum verstehen, war es die Sache der Maler, die Boliden anzupreisen. Oder sie, wie hier Sonia Delaunay, selbst zu bemalen. Georges Braque, der mal einen Alfa-Romeo bemalte (den er dann an Blaise Cendrars verkaufte), erwarb mit vierundsiebzig Jahren einen Rolls-Royce. Er war nicht der erste französische Maler, der einen Rolls fuhr. Zuvor hatte sich sein junger Kollege Bernard Buffet einen geleistet.

Einer der ersten Maler, der sich dem Thema Automobil widmet ist der britisch-deutsche Maler Sir Hubert von Herkomer. Der war nicht nur Künstler, er war auch ein Wegbereiter des Motorsports in Deutschland. Für die Herkomer Konkurrenz (die man nach neunzig Jahren wiederbelebte) hatte der Maler den silbernen Pokal selbst gestaltet. Und er hat dieses schön-schreckliche Bild gemalt (das sich schon in dem Post Mercédès) findet, das Die Zukunft heißt. Steht so auf der Bauchbinde, die über die nackte junge Dame drapiert ist.

Frauen und Autos (nein, nicht das, was Sie jetzt meinen) wären natürlich auch ein schönes Thema. Wie hier Catherine Deneuve in einem Morgan Plus-4. Die Dekorationsbeigaben, die die englische Firma TVR 1971 bei der Earls Court Motor Show verwendete, sind schon in dem Post Wankelmotor erwähnt worden. Also, die Ideen gehen mir nicht aus, ich könnte wahrscheinlich den Rest des Jahres über alle Aspekte des Automobils schreiben. Jetzt, wo ein Anfang gemacht ist, wird sich wohl ganz langsam das ein und andere zu den 57 Posts hinzugesellen.

Und in der Zwischenzeit könnten Sie ja versuchen, noch ein Exemplar von Reimar Zellers Das Automobil in der Kunst 1886 - 1986 zu bekommen, gibt es bei Amazon Marketplace ab 1,57 €. Lohnt sich unbedingt. Schwerer wird es schon, Gerard Silks vorzügliches Buch Automobile and Culture aufzutreiben. Das war 1984 das Begleitbuch zu einer großen Ausstellung im Museum of Contemporary Art in Los Angeles, die der kulturelle Beitrag der Stadt zu den Olympischen Spielen war. Die Stadt der Engel ist schließlich die Stadt der amerikanischen car culture, die kriegten so etwas rechtzeitig fertig. Und was ist mit Detroit, der Stadt, die einst das Symbol für Amerikas mächtigste Industrie war? Da vermelden die Zeitungen für 1984 Straßenkämpfe in einer sterbenden Stadt. Sic transit gloria mundi.

Natürlich ist diese Blog frei von Witzen über Porschefahrer. Und auch das Photo da unten von Frank Lünstroth lassen wir nur unter schweren Bedenken durchgehen. Ist aber witzig.